Calenberger Autorenkreis

      






Wir begrüßen Dietmar Weiss ab September 2019 neu in unserem Calenberger Autorenkreis!

Dietmar Weiß wurde in den apokalyptischen Zeiten des Zweiten Weltkrieges 1944 in Kanth bei Breslau geboren, überlebte auf der Flucht eine Lungenentzündung und später, was schwieriger war, eine 22-jährige kassenärztliche Tätigkeit als Internist und Landarzt in Gronau bei Hildesheim, bevormundet von Ärztekammern, Gesundheitsministerien und Krankenkassen, wogegen er sich mit dem Schreiben satirischer Erzählungen und Gedichte zur Wehr setzte. Heute lebt er in Laatzen bei Hannover und versucht auch in Bildern den ganz alltäglichen Wahnsinn sichtbar zu machen.

 

 

LABYRINTH

Im großen Labyrinth des Lebens
suchst du den Ausgang stets vergebens
und merkst erst mit dem Schritt ins Grab,
dass es nur eine Falltür gab.

 


LANDARZT 2000
Doktors alltäglicher Albtraum
(Nach Franz Kafka: Ein Landarzt)

     Der Ruf eines Patienten zu einem dringenden Hausbesuch hatte mich erreicht, aber mein Wagen, auch nicht mehr der jüngste, ließ mich im Stich in dieser kalten Winternacht. Unschlüssig, den Koffer in der Hand, stapfte ich durch den kniehohen Schnee, als das Bellen meiner Hunde plötzlich in klägliches Jaulen und Wimmern überging. Besorgt lenkte ich meine Schritte zum Zwinger, den ich erreichte, als plötzlich Stille eintritt und alles wie eingefroren liegt unter dem kristallklaren Mond. Als ich die Zwingertür öffne, erkenne ich zu meiner Verblüffung die Motorhaube eines großen Wagens, eines Rolls-Royce, und rechts und links stehen, zu Salzsäulen erstarrt, auf den Hinterbeinen aufgerichtet, meine beiden Hunde, im nächsten Augenblick sich dehnend und verwandelnd in zwei livrierte Lakaien. Als ich sie erreiche, werden sie lebendig, einer öffnet die Wagentür, und unter Stöhnen und Ächzen wälzt sich ein dicker Mann mit Melone aus dem Wagen, eine Zigarre in der mit Ringen bewehrten Hand. "Hey, Doc", ruft einer der Lakaien, mir auf die Schulter schlagend, so dass ich in gebückter Haltung vor dem Dicken zu stehen komme, "dies ist dein Arbeitgeber, der Boss aller Kassenbosse." – "Und dies", ergänzt der Boss, "sind meine Gehilfen, Aoki und Barmi. Wir haben gehört, dass eines unserer Mitglieder deine Hilfe braucht, du aber deinen Pflichten nicht nachkommen kannst. Nun", beschwichtigt er mich mit großzügiger Handbewegung, "wir sind gekommen, dir zu helfen, steig ein, wir bringen dich hin." Und ehe ich antworten kann, schiebt er mich samt Koffer in den Fond des Wagens. Hier ist alles luxuriös eingerichtet, einschließlich TV und Bar, aber im Einsteigen entdecke ich doch, dass die Räder des Wagens nicht rund sind, sondern eckig und ohne Luft. Der Kassenboss steigt selbst nicht mit ein, sondern schlägt die Tür zu, während vorn die Kassenbüttel Platz nehmen, und durchs offene Fenster brüllt er mir ins Ohr: "Du weißt sicher, Doc, dass du diesen Hausbesuch auf eigene Kosten machen musst, denn dein Praxisbudget ist längst überschritten, wir werden dir also eine Rechnung für die Fahrt schicken müssen, und ich werde mir erlauben, zwischenzeitlich deine Praxis zu überprüfen. Sei aber unbesorgt, diesen Hausbesuch darfst du noch machen." Sein Lachen dröhnt mir in den Ohren. "Ich will aussteigen", schreie ich empört und drücke, aber vergeblich, gegen die Wagentür. "Halt, halt", brüllt der Dicke, "natürlich kannst du jederzeit aussteigen, aber du willst dich doch nicht der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen. Diesen Hausbesuch musst du noch machen und wenn er Wochen und Monate dauert, dann kannst du aussteigen, dann musst du sogar aussteigen, denn auch dein Arzneimittelbudget ist längst überschritten, und dich erwartet ein stattlicher Regress, der dich ruinieren wird. Darum gehe ich jetzt und schließe deine Praxis." Wütend werfe ich mich gegen die Wagentür. "Holla lustig", ruft der Boss, die Kassenbüttel anfeuernd, und die Limousine springt an und bricht durch die Zwingerwand, dass die Bretter zur Seite fliegen, aber ich habe keine Zeit, mich meiner Wut hinzugeben, da der ganze Wagen nun vom Rumpeln der eckigen Räder erschüttert wird und während der Fahrt beginnt, sich in seine Einzelteile aufzulösen. Erst fliegt das Dach davon, dann die Windschutzscheibe – eine klirrende Kälte lässt mich erstarren – zuletzt verabschieden sich Bar und TV.
     Halb betäubt, nur noch auf den Rädern reitend, erreichen wir das Haus des Patienten. Ich betrete die kleine Stube, in der Vater, Mutter und Kinder um das Bett des Opas stehen, dessen Keuchen ich schon in der Tür wahrnehme. "Platz, Platz", rufen die Kassenbüttel, mit den Ellenbogen mir den Weg bahnend, "hier kommt der beste Doc weit und breit, denn für unsere Mitglieder ist uns nichts zu teuer." Die Untersuchung des Alten ist schnell getan und eindeutig. "Der Opa ist schwer krank, er hat eine Lungenentzündung. Eine starke und teure Medizin muss rasch besorgt werden", und schon zücke ich den Rezeptblock und beginne das Medikament zu notieren. "Halt, halt", ruft Aoki und entreißt mir das Blatt, "wir sind eine Gesundheitskasse und nur für gesunde Patienten zuständig, Rezepte für kranke Patienten, die ja nur durch mangelnde Vorsorge der Ärzte krank geworden sind, müssen die Ärzte selbst bezahlen!" – "Außerdem", ergänzt Barmi, "hast du deine Arzneimittelrichtgröße längst überschritten und musst das Medikament in jedem Fall selbst bezahlen." – "Schon gut", sage ich, der ewigen Diskussionen um die Rezepte müde und angesichts der lebensbedrohlichen Erkrankung des Alten, "hier habt ihr mein Portemonnaie, kauft halt davon das Medikament." Während ich mich dem Kranken, der mich dankbar ansieht, wieder zuwende, höre ich den empörten Aufschrei Barmis: "Was, Doc, von den paar Kröten können wir nicht mal das billigste Medikament besorgen! Dieser Doc hat nicht mal das Geld, seinen Patienten die Medikamente zu bezahlen und erdreistet sich doch, sich Kassenarzt zu nennen!" Und er schlägt mir mit dem Portemonnaie auf den Hinterkopf, dass die Münzen herausfallen und über den Fußboden rollen. "Tut mir leid, Doc, da hilft nur noch eines, da müssen wir zur stärksten alternativen Heilmethode greifen, und diese bezahlen wir sogar, denn alles was unsere Mitglieder wünschen, bekommen sie auch." Und er fängt an zu singen und alle in dem kleinen Raum stimmen ein, eine eintönige Melodie aber ein wirkungsvoller Text:

"Wir legen euch den Arzt ins Bett,
selbst wenn er das nicht gerne hätt,
es hilft zwar nicht - doch sapperlot:
wer eher stirbt, ist länger tot."

     Und schon fallen die Kassenbüttel über mich her und reißen mir die Kleider vom Leib. Da versucht der Kranke, mir zu helfen: "Lasst ihn, lasst ihn doch", stöhnt er, "der ist ja viel kränker als ich, wie soll er mir helfen, selbst nur Haut und Knochen, ihr legt mir ja den Tod ins Bett." Aber schon liege ich nackt neben ihm, Aoki schnürt mir die Kehle zu, und Barmi – jetzt wieder in Hundegestalt – beißt mir in die Hoden. Und jetzt, schon im Fieberwahn, sehe ich endlich klar:
     Oh, seliger Hippokrates, wir Ärzte haben unsere Würde verloren. Wir haben es hingenommen, dass man Arztpraxen zu Wirtschaftsunternehmen und Ärzte zu Leistungsanbietern degradiert hat. Unsere Funktionäre schließen mit den Kassen Verträge, die die Ehrlichen unter uns ruinieren müssten, und um uns zu besänftigen, erfinden sie Schwein-"IGeL"-Listen, mit denen die Gewieftesten aus Gesunden Kranke machen, da es sich nicht mehr lohnt, Kranke gesund zu machen. Wir können es uns nicht mehr erlauben, großzügig, freigebig und barmherzig zu sein, überleben werden nur Marketingstrategen, Gesundheitstechniker und Scharlatane. Mittlerweile hat der Alte aufgehört zu stöhnen – nur ich weiß, dass er gestorben ist – und im nicht enden wollenden Gesang der Kassenbüttel wie in einem schweren Traum versinkend, füge ich mich in mein Los. Betrogen! Betrogen! Einmal den Forderungen von Politikern und Kassen gefolgt, es ist niemals gutzumachen.