Calenberger Autorenkreis

      

Susanne Kipp - Leseproben


Commedia

Die erste seiner Wahrnehmungen war das frühe Morgenlicht, fast herrschte noch Dämmerung. Dann hörte er die Stimme seiner Frau, die ihn, am weit geöffneten Fenster stehend, immer wieder rief und ihn mit ausholenden Armbewegungen zu sich winkte. „Komm, komm doch bitte!" Ihr Tonfall wurde dabei immer intensiver und drängender. Inzwischen überlagerten fremde Geräusche und Rufe von draußen diese Aufforderungen und auch das Singen der Vögel in den Bäumen, das er erst jetzt wahrnahm. Von der Dringlichkeit in der Stimme seiner Frau verwirrt, erhob er sich.
Er ging auf das Fenster zu, aus dem seine Frau gerade wieder hinaussah und erblickte auf dem großen grünen Rasenhalbrund seines Gartens ein Holzpodest, auf dem fünf Personen mit Halbmasken und in den bunten Kleidern der Commedia dell'Arte agierten. Sie schienen sich in fremder Sprache heftig auseinanderzusetzen, drohten sich, sprangen hin und her, einer schlug einen Purzelbaum und das Treiben wurde immer lauter und toller. In den Wohnwagen, die in der Nähe der Bühne standen, weinte ein Kind und zwei Hunde jagten bellend unter den Bäumen, die den kleinen Park bildeten.
Eine Bühne in meinem Garten, über Nacht.... , dachte er und weil tief in seinem Herzen eine große Liebe zum Theater war, konnte er sich vor Entzücken kaum fassen. Er sah seine Frau an, die seinen Arm kurz und verstehend drückte, denn sie wußte um seine Neigung und seinen heimlichen Kummer, einem Brotberuf nachgehen zu müssen, anstatt, wie es sein Jugendtraum gewesen war, Schauspieler zu werden.
Wir bekommen Ärger mit der Nachbarschaft, war dann sein nächster Gedanke. Er befürchtete, daß man diesem lärmenden Tun nicht ohne Widerspruch zusehen und -hören würde, denn sein Haus lag in einem stillen Vorort der Stadt.
Man müßte mit dem Leiter der Gruppe sprechen, dachte er. Man könnte ihr ja eine kleine Zeit des Bleibens geben und die Modalitäten fest regeln. Denn schließlich war es ja sein Garten. So dachte er. Und ein Theater in seinem Garten wäre eine so einmalige Gelegenheit, er könnte sich ein paar Tage freimachen und dann am Leben und an der Arbeit der Truppe teilnehmen.
Barfuß und in Jeans lief er die Treppe hinunter, um das Rätsel der Ankunft dieser Schauspieltruppe zu lösen.
Als er über die Terrasse auf die Bühne zugehen wollte, erhob sich ein Mann aus einem der dort stehenden Stühle, der aus dieser Position offensichtlich das Agieren auf der Bühne beobachtet hatte. Dieser Mann sah ihn kurz an, wandte sich dann der Bühne zu und fuhr fort, mit lauter Stimme Anweisungen zu geben.
„Hören Sie," sagte er. Der fremde Mann drehte sich nicht einmal nach ihm um. „Hören Sie," sagte er wieder, „so geht das nicht. Es ist früher Morgen, sie haben sich hier über Nacht auf meinem Grundstück etabliert, unangemeldet, ich habe grundsätzlich nichts dagegen, aber man muß darüber spre... " -abrupt unterbrach er sich, als der Mann sich zu ihm umdrehte, ihn aus halbgeschlossenen Augen und mit zurückgelegtem Kopf ansah und feindselig sagte: „Muß man? Darüber sprechen? Es gibt nichts zu besprechen!"
Oh Gott, dachte er, was für eine Situation! Seine freudige Aufgeregtheit und seine Absicht zum Entgegenkommen zerfielen zu grauem Aschestaub.
„Woher kommen Sie überhaupt? Und warum mein Garten?" Der Mann blickte kurz zur Seite und sagte, halb über die Schulter zu ihm: "„Wir kommen von unserem vorherigen Gastspiel und ein Garten ist so gut wie der andere. Vorläufig gedenken wir jedenfalls nicht, woanders hinzugehen!" Plötzlich erklärte er mit völlig unbeteiligter Miene: „Alle Grundstücke, die uns passend erscheinen, sind uns zur Nutzung freigegeben und Ihr Garten eignet sich hervorragend. Beschweren können Sie sich beim Kulturdezernenten der Stadt. Und nun lassen Sie mich bitte weiterarbeiten, Sie sehen, ich bin beschäftigt!" Damit drehte er sich ostentativ wieder zur Bühne.
Gegen das heftige Gefühl des Ärgers, das ihn inzwischen befallen hatte, versuchte er, die Lage mental zu ordnen, um sie in den Griff zu bekommen. Seine Gedanken rasten, leichte Übelkeit meldete sich.
Er kämpfte mit der ihm immer deutlicher werdenden Realität und wünschte sich, sie möge in Stücke zerbrechen wie ein vergehender Traum:
Er war der Kulturdezernent der Stadt!