Calenberger Autorenkreis

      










Cornelia Poser ist Hamburgerin, lebte nach dem Abitur vierzig Jahre in Berlin und zog 2015 nach Hannover-Linden. Seit 2016 gehört sie zum Autorenkreis. Hier fand sie das, was sie suchte: Autoren, die sich regelmäßig treffen, ihre Texte und Gedichte vorlesen und darüber diskutieren - die aber auch Vorträge über Leben und Werk bekannter Schriftsteller erarbeiten. Sie selbst schreibt seit vielen Jahren und hält Vorträge über Das Leben und Werk von Irmgard Keun und Max Frisch und Selma Meerbaum. Im März 2019 erschien im Hemminger Ganymed-Verlag ihr Jugendbuch "Echsenkönig", das inzwischen in einigen Schulen im Deutschunterricht der 6. Klassen gelesen wird.

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Ahnung  - für V.

Da war ein Blick, ein Wimpernschlag, Sekunden nur
als leichthin hob und senkte sich das Grün
der Halme um das Lachen, das zu stolpern schien
im Jetzt - und nur der ferne Kuckuck hörte ihn,
den Schlag der Stunde, der dazwischen fuhr.

Und beider Augen fanden Halt, weil niemand fragte,
was heute oder morgen könnt geschehen
und Ewigkeit und Wünsche lagen im Verstehen.
Als später ihre Lider senkten sich im Gehen,
ein Vogel in der Ferne leise klagte.

Montagmorgen

Schlafbeere im Haar
heute ist Zögertag
gerade jetzt
ohne mich nimm es
das richtige Wort
und deinen Honig
mein Mund ist dunkel
alle gelbe Süße verschluckt
und verträumt vorm Erwachen



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Der König dankt ab

Meinen Vater bewunderte ich. Er war mein König, bis zu meinem elften Geburtstag. Er herrschte über alles und bestimmte und prägte bis dahin mein Leben. Dabei war er ein kleiner und stiller Mann, der so gar nichts Königliches an sich hatte. Auch seine Kindheit war nicht die eines Prinzen gewesen. Geboren in dem Gasthaus eines kleinen Dorfes, von hohen Tannen umgeben, von einer Gastwirtsfrau, seiner Mutter, streng und karg erzogen. Man hatte nicht viel. Als er gerade zehn Jahre alt war, schoss sich sein Vater, der Gastwirt, eine Kugel durch den Kopf und seine Mutter, die nun weder Mann noch Geld besaß, brachte ihren Sohn in ein Internat in die nächste Kleinstadt. Dort zeigte man ihm, was Ordnung und Disziplin heißt und nach der Machtergreifung Hitlers noch ein paar Dinge mehr. Dank seiner musikalischen Begabung lernte er dazu das Klavierspiel, Cello, Orgel, Fagott und Akkordeon. Als er ein junger Mann wurde und die Zeiten rauer, begann er zu dichten, während sein Schulfreund sich am Fensterkreuz des Internats erhängte. Nach dem Abitur wollte er Musik studieren, unbedingt. Man versprach es ihm – nach der Zeit. Vorerst wurde er jedoch Pilot, dann von den Engländern im zweiten Kriegsjahr vom Himmel geholt, für sechs Jahre ins kalte Kanada verfrachtet und dort bis zum Ende sicher verwahrt. Als er nach dem Krieg nach Deutschland zurückkam, mietete er sich bei fremden Leuten ein und heiratete zwei Jahre später deren einzige Tochter, meine Mutter. Wie gesagt, in königlicher Lebenslauf war das bis dahin gewiss nicht. Mit der Heirat aber sollte sich das ändern.

Ich betrachte das Hochzeitsfoto meiner Eltern. Unter einem steifem Zylinder, der viel zu schwer zu sein scheint, weit in das Nirgendwo schauend, steigt dort ein kleiner Mann neben einer großen Frau die Kirchentreppe herab. Ihr weißes Kleid wirkt durchscheinend und spielt um die langen, weit ausschreitenden Beine. Sie hat ihren Blick zu ihm gewandt, strahlt den kleinen Mann an ihrer Seite an, ihren König. Sie setzte ihm die Krone auf, schenkte ihm Prinzessinnen und einen Prinzen und erzog diese in seinem Sinne, auch wenn eigentlich sie diejenige war, die im Einerlei des Alltags regierte. Sie war die Königin und er der König. Der allerdings residierte hinter verschlossener Tür, auf einem unsichtbaren Podest und in höheren Sphären, in seinem Thronsaal, dem Arbeitszimmer, in dem der große Flügel stand.

Als Hanna klein war, war der König oft abwesend. Und selbst wenn er da war, durfte man ihn nicht stören. Sein Zimmer war eine fast heilige Stätte, deren Tore sich erst am Abend oder manchmal auch nur zu ganz besonderen Tagen auftaten. Sogar die Königin klopfte unterwürfig an die Tür, wenn sie nicht mehr weiter wusste und meinte, eine männliche Autorität für die Erziehung der Kinderschar zu benötigen. Dann kam er heraus, mit gespitztem Mund und dem Zepter in der Hand und sprach das sogenannte Machtwort. Hanna erkannte schon früh, dass er das ungern tat, denn seine Krone saß dann schief auf seinem Kopf, das sah sie genau. Aber er war nun einmal der König und Könige müssen regieren, da gab es kein Entrinnen. Hanna suchte die Nähe des Königs und war glücklich, wenn sie einen Blick auf ihn in seinem Thronsaal erhaschen konnte, wie er dort groß und wichtig hinter dem Schreibtisch saß. An anderen Tagen, wenn die Tür verschlossen blieb, wusste sie ihn am schwarzen Flügel, denn durch die Luft des Hauses zogen Wolken von wundervoller Musik. Wenn er nicht da war, schlich Hanna ab und zu heimlich in sein Zimmer, setzte sich auf den Thron und betrachtete mit Ehrfurcht die königlichen Werkzeuge. Dann gab es ein stilles und ganz wortloses Einverständnis zwischen ihr und den Dingen im Raum, die genauso wie sie auf die Rückkehr des Regenten warteten, bis unvermutet die Königin in der Tür stand, streng blickte und das Märchen beendete. Was machst du da, Hanna, komm sofort aus dem Zimmer heraus!

Wie gesagt, bis zu ihrem elften Geburtstag bewundert Hanna alles an ihrem Vater. An diesem Tag aber wird sich das ändern. Hanna hat sich eine Geige gewünscht. Sie möchte spielen, so schön wie David Oistrach oder Yehudi Menuhin, die sie auf Schallplatten gehört hat, mit Tschaikowskys Violinkonzert und der Sinfonia Concertante von Mozart. Das möchte sie auch können! Und sie wird sie bekommen, die Geige. Der König macht aber ein riesengroßes Geheimnis daraus, ein spannendes Spiel. Am Morgen liegt keine Geige auf dem Geburtstagstisch und Hanna geht etwas enttäuscht in die Schule. Die Mutter versucht sie zu trösten und lächelt dabei: Vielleicht im nächsten Jahr... Der König aber sagt nur: Warte mal ab... Erst am Nachmittag, als Hanna schon nicht mehr daran glaubt, ruft der König sie plötzlich in sein Zimmer. Sein Blick ist unergründlich. Er reibt seine Hände. Jetzt dreh dich mal um und schau gegen die Wand, sagt er, und erst wenn ich dir meine Hand auf die Schulter lege, kannst du dich umdrehen! Seine Stimme duldet keinen Widerspruch, aber die Augen blitzen und um seine Mundwinkel spielt ein verräterisches Lächeln. Hanna starrt also gegen die Wand, die weiß und langweilig ist. Sie kneift die Augen zu und lauscht hinter ihren Rücken. Da rumpelt es, der König geht ein paar Schritte. Hanna hört, wie er etwas hochhebt und auf den Tisch legt und dann ein zweimaliges Klicken. Danach herrscht Stille. Hanna öffnet die Augen, vor ihr die weiße Wand, dann leise seine Schritte, die näher kommen. Hanna spürt den königlichen Atem in ihrem Haar und endlich die große Hand dort, wo sie sie so sehr erwartet. Sie dreht sich um. Ihr Herz klopft laut. Auf dem Tisch liegt ein länglicher, schwarzer Kasten, aufgeklappt. In ihm, abgedeckt mit einem blau glänzenden Samttuch, das Geschenk. Der Vater stupst sie in den Rücken. Geh schon, sagt er, sie gehört dir! Und Hanna kriecht eine große Feierlichkeit bis zum Nacken hinauf. Sie geht zum Tisch und streicht mit den Fingern vorsichtig über das Samttuch. Na, los, hol sie raus! Der König steht hinter ihr und scheint genauso aufgeregt wie sie zu sein. Hanna weiß ja, was unter dem blauen Samt liegt, die Geige! Und sie wird ihr gehören! Langsam zieht sie den kostbaren Stoff zur Seite. Ein sirrender, leiser Klang fliegt durch den Raum. Das Tuch gleitet zu Boden.

Honigbraun glänzt das Holz der Geige, das Griffbrett schwarz, die vier Saiten silbern. Darf ich, fragt sie und der König nickt gnädig, fast etwas ungeduldig. Hanna streichelt mit den Fingern über das Holz, über den schwarzen Hals und die Saiten. Dann nimmt sie das Instrument vorsichtig aus dem Kasten. Die Geige ist federleicht, fühlt sich zerbrechlich an und anders als in Hannas Vorstellung. Sie bekommt auf einmal Angst, sie könne sie fallen lassen. Aber sie hält sie gut fest und schaut sie an. In ihrem Kopf entstehen dabei Töne und Klänge, Musik von Tschaikowsky und Mozart. Jetzt würde sie das alles bald selber spielen können.

Da greift der König plötzlich nach der Geige und nimmt sie Hanna weg. Guck, so musst du sie halten, sagt er und drückt Hanna, ehe die etwas erwidern kann, den Geigenkorpus an den Hals unter das Kinn. Halte da unten fest, dann fällt sie nicht runter, sagt er und führt dabei Hannas linke Hand so, dass sie die Geige halten kann. Und hier ist der Bogen, damit streicht man über die Saiten, pass auf, so und so. Er nimmt den Bogen aus dem Kasten, spannt ihn und drückt ihn in Hannas rechte Hand. Und nun los! Hanna fühlte sich etwas überrumpelt, steht vor dem König und lächelte ihn verlegen an. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Da greift er plötzlich ihre Hand und führt den Bogen über die Saiten. Ein lauter, schriller Doppelton quietscht in Hannas Ohr. So macht man das, ruft der König lachend. Hanna aber erschrickt. So macht man das? Das, was da aus dem Instrument kommt, ist keine Musik, keine Melodie, nicht mal ein schönes Geräusch. Das hatte sie sich anders vorgestellt. Der König jedoch strahlt. Das klingt nicht schön, sagt Hanna jetzt und lässt Geige und Bogen sinken. Ach, warte mal ab, das lernst du schon noch, erwidert der König. Gib mal her, ich zeige es dir. Und er nimmt ihr die Geige wieder weg, legt sie an seinen großen Hals, greift den Bogen und beginnt zu spielen.

Und da passiert es. Der Bogen gleitet über die Saiten. Aber das Spiel des Königs klingt kratzig, nicht schön und wirklich ganz anders als auf den Schallplatten mit David Oistrach und Yehudi Menuhin. Siehst, du! So geht das! Der König ist ganz begeistert von sich selbst und kratzt weiter auf der Geige herum. Hanna möchte sich die Ohren zuhalten, so kläglich klingen die Töne. Sie schaut ihren Vater an - und was sie auf einmal sieht, ist die Wahrheit. Der König kann gar nicht Geige spielen! Er kann es kaum besser als sie, die es überhaupt nicht kann. Hannas Vater, der doch immer alles kann, dieser Vater kann nicht Geige spielen! Er kann es nicht, flüstert es in ihrem Kopf. Und es ist ein erstauntes, fast ungläubiges und erschrockenes Flüstern, das außer ihr auch niemand hört. Er kann es nicht! Und der König steht da, mit ihrer Geige in der Hand und dem Bogen in der anderen und versucht zu spielen und es klingt wie Katzenmusik. Und seine Krone sitzt jetzt so schief auf dem Kopf, dass sie fast hinunterrutscht. Er kratzt noch ein paar Töne, versucht eine weitere Melodie und hört dann ganz auf. Naja, sagt er und guckt die Geige an, aber das wird schon… du bekommst Unterricht und pass mal auf, dann geht das ganz schnell. Bald spielst du die ersten Melodien und in ein paar Jahren geht es ins Orchester.

Gib sie mir, es ist doch meine, sagt Hanna und nimmt ihrem Vater das Instrument vorsichtig aus der Hand. Er lässt es zu. Hanna legt die Geige zurück in den Kasten, deckt sie mit dem blauen Samttuch zu, legt auch den Bogen hinein, verschließt den Deckel, dass es zweimal klickt und geht aus dem Zimmer. Sie lässt die Tür offen stehen, dreht sich nicht um und steigt dann zusammen mit ihrem Geschenk unter dem Arm die Treppe hinauf. Als sie fast oben ist, schaut sie noch einmal zurück. Da sieht sie, wie der König langsam seine goldene Krone vom Kopf nimmt, von seinem Podest herabsteigt und etwas gebeugt und fast lautlos hinter dem schwarzen Flügel verschwindet. Hanna aber geht in ihr Zimmer und lauscht noch lange in die Stille des Hauses.

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Die Schaukel

Alles endete und begann gleichzeitig, als sie von einer Reise zurückkehrte und mit dem Zug in ihren Heimatbahnhof einfuhr. Zuerst bemerkte sie fast nichts. Nur das Licht fiel auf, es war sehr hell und die Umrisse der Häuser und Bäume hinter der Zugfensterscheibe schärfer, die Farben intensiver. Sie dachte an ein Gewitter, denn für gewöhnlich beobachtete sie davor dieses besonders intensive Strahlen aller Dinge. Es konnte aber auch mal wieder ihre eigene empfindliche Wahrnehmung sein, die ihr oft, vor dem Eintreffen ungewöhnlicher Ereignisse, alles  plastischer, farbiger und lauter erscheinen ließ. Als der Zug mit lautem Quietschen bremste, ließ sie den Koffer fallen und legte schützend ihre Hände über die Ohren. Die Mitreisenden vor und hinter ihr drehten sich irritiert um und sie registrierte, wie zwei Frauen miteinander tuschelten und verstohlen zu ihr hinüber sahen. Sie entschuldigte sich leise, hob den Koffer wieder und stieg, nachdem der Zug zum Halten gekommen war, zusammen mit den andern Fahrgästen aus. Der Bahnsteig war überfüllt, denn es war Freitagabend und der Zug fuhr weiter Richtung Hauptstadt, um dort, wie an jedem Wochenende, planmäßig hunderte von Touristen abzuliefern. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge und nahm die Rolltreppe in das Untergeschoss des Bahnhofes. Als sie schon ein Stück gefahren war, blieb die Treppe auf einmal stehen. An der Seite blinkten rote Lampen auf. Defekt! Sie hob ihren Koffer hoch und wuchtete ihn die eisernen Stufen hinab. Unten angekommen, lehnte sie sich an die Wand, schloss kurz die Augen, fühlte sich müde und überreizt und wollte warten, bis sich die mit ihr Angekommenen etwas zerstreut hatten. In ihren Ohren zischte uns rauschte es. Als die Lärm endlich abebbte, öffnete sie die Augen, nahm ihren Koffer und verließ eilig das Gebäude.  

Die Straßenbahn wartete und lud zum Einsteigen ein. Im Waggon stehend nahm sie gleich darauf hinter sich das Zischen der sich schließenden Türen wahr. Erleichtert, endlich im letzten Abschnitt ihrer Reise zu sein und bald Zuhause anzukommen, setzte sie sich. Die Bahn ruckte an und fuhr los. Während der Fahrt sah sie nicht aus dem Fenster, sondern hing ihren Gedanken an die vergangenen Ferienwochen und ihrer guten Erholung nach. Sie besah sich ihre gebräunten Hände und strich darüber. Eine gesunde Farbe hatten sie in den Bergen bekommen, genauso wie ihr Gesicht, die Arme und die Beine. Alles in Allem hatte sich die Reise wirklich gelohnt. Sie fühlte sich erholt und gerüstet für die Aufgaben, die sie schon vor dem Urlaub geplant hatte und in den kommenden Tagen, bevor sie wieder ins Büro musste, mit Schwung umsetzen wollte. Zu allererst, so hatte sie sich vorgenommen, sollte Altes gesichtet und überlegt werden, ob es in ihrer überfüllten Wohnung vielleicht doch Dinge gab, von denen sie sich trennen konnte und danach würde sie die Gardinen waschen und die Wände neu streichen.

Plötzlich hielt die Bahn. „Bitte aussteigen!“, tönte es aus dem Lausprecher. Sie schaute durch die Fensterscheibe nach draußen und erkannte nichts. Fremde Häuser schienen dort in einer fremden Straße zu stehen. War sie so tief in Gedanken, so weit fort gewesen, dass sie ihre Station verpasst hatte? Die Türen sprangen auf. „Bitte aussteigen!“, schnarrte die Stimme noch einmal. Sie überlegte, mit der nächsten Bahn die Stationen zurück zu fahren, lachte leise in sich hinein, amüsierte sich über ihre eigene Zerstreutheit, die sie - wie ihr jetzt der Gedanke kam - im übertragenen Sinne, schon oft im Leben hatte Stationen verpassen lassen. Gerade als sie die Gleise überschritt und sich dabei, nach Orientierung suchend, immer wieder um die eigene Achse drehte, entdeckte sie das Café an der Ecke und daneben das Antiquitätengeschäft. Beides kannte sie gut. Und schlagartig fügten sich die Bilder um sie und sie erkannte. Wie hatte sie sich so täuschen können, dass ihr nach vier Wochen Urlaub alles Bekannte fremd vorkam? Es war doch in Ordnung. Sie war genau an der richtigen Station ausgestiegen. Erleichtert bog sie, den schweren Koffer auf seinen Rollen hinter sich herziehend, um die Ecke. In der Ferne sah sie den Spielplatz liegen, auf dem sie schon an manchen Tagen Kindern im Sand und beim Schaukeln zugesehen hatte. Sie sah zum Himmel. Dunkle Wolken mit grellhellen Rändern schoben sich über die Dächer der Stadt und kamen direkt auf sie zu. Sollte es ein Gewitter geben? Das würde zumindest teilweise ihre Empfindlichkeit erklären. In der Luft lag jetzt ein Sirren und das Atmen fiel ihr auf einmal schwer.

Sie bog um die letzte Ecke, erreichte ihr Wohnhaus und stellte den Koffer ab. Sie öffnete ihre Handtasche und griff in das Fach nach dem Schlüssel, fühlte ihn aber nicht dort, wo er sonst war. War sie auch beim Packen zerstreut gewesen? Sie spürte eine leichte Ungeduld in sich aufsteigen. Sie mochte es nicht, wenn die Dinge nicht dort waren, wo sie hingehörten. Der Schlüssel hatte seinen Platz immer in demselben Seitenfach, gleich rechts neben der Brieftasche. Sie durchwühlte erst das linke kleine, dann alle anderen Fächer und zuletzt die ganze Tasche, aber ohne Erfolg. Sollte sie ihn etwa in der Berghütte vergessen haben? Da fiel ihr Frau Stumpf ein, die in der Wohnung unter ihr wohnte. Ihr hatte sie, mit der Bitte, die Blumen zu gießen, einen Ersatzschlüssel zur Wohnung gegeben. Als sie den Klingelknopf mit dem Namen Stumpf drückte, sah sie, dass ihr eigenes Namensschild fehlte, es musste abgefallen sein. Ich muss es erneuern, dachte sie. Sie hatte bei ihrem Einzug vor einem Jahr nur einen billigen Papieraufkleber benutzt, den der Regen wahrscheinlich abgewaschen hatte. Die Erklärung schien ihr schlüssig und beunruhigte sie nicht. Aber etwas anderes fiel ihr auf. In der Wand neben der Tür war ein großer Riss zu sehen, der vor ihrer Abreise noch nicht dagewesen war. Gleich Morgen würde sie die Hausverwaltung anrufen müssen. Während sie noch einmal klingelte, hörte sie in der Ferne erstes Donnergrollen.

Endlich surrte die Tür. Sie lehnte sich dagegen, schob sie auf und trug ihr Gepäck nach oben. Vor der Wohnung der Nachbarin blieb sie stehen und wartete, aber nichts geschah. War Frau Stumpf nicht da? Aber die Haustür war ja von jemandem für sie geöffnet worden.  Sie klingelte noch einmal. Wieder passierte nichts. Hinter der milchigen Glasscheibe war es dunkel. Nachdem sie ein paar Minuten die Scheibe angestarrt hatte, nahm sie plötzlich einen im Flur entlanghuschenden Schatten wahr. Sie drückte den Knopf noch ein drittes Mal, diesmal lang und ungeduldig. Warum öffnete die Nachbarin nicht? Da tat sich die Tür doch auf und ein alter Mann erschien. „Ja, bitte?“ Sein Blick war unfreundlich. Sie kannte ihn nicht. Offensichtlich hatte Frau Stumpf Besuch.

„Hallo, ich bin die Nachbarin von oben und wieder aus dem Urlaub zurück. Frau Stumpf hatte meinen Ersatzwohnungsschlüssel in Verwahrung. Ich wollte ihn abholen. Ist Frau Stumpf da?“ Der alte Mann schob die Tür zu einem Schlitz zu: „Hier wohnt keine Frau Stumpf“, sagte er barsch. Hinter dem Mann sah sie auf einem Tischchen das Telefon von Frau Stumpf, das sie ja kannte und in dem das Licht des Anrufbeantworters blinkte.  Der Mann schob die Tür noch weiter zu. „Hier wohne ich“, sagte er durch den nun sehr schmalen Spalt, „ich kenne keine Frau Stumpf.“ Er murmelte noch etwas, das sie nicht verstand, schloss dann die Tür ganz und ließ sie verdattert davor stehen. War Frau Stumpf in den letzten Wochen ausgezogen und dieser Mann eingezogen? Davon hätte sie ihr doch erzählt. War sie vielleicht während ihrer Abwesenheit gestorben? Aber sie war doch ganz gesund und munter gewesen. Sie klingelte noch einmal. Vielleicht konnte der Mann ihr wenigstens die neue Adresse sagen. Diesmal öffnete er schnell: „Lassen Sie mich in Ruhe!“, schnauzte er sie an. „Hier gibt es weder eine Frau Stumpf, noch einen Schlüssel, noch sonst irgendetwas abzuholen!“ Und schlug die Tür zu, dass der Rahmen zitterte.

Vollkommen konsterniert stand sie da und konnte sich minutenlang nicht rühren. Irgendwann aber nahm sie ihren Koffer und stieg hinauf zu ihrer Wohnung. Was sollte sie tun? Ihr wurde plötzlich übel und sie musste sich auf die Treppenstufe vor ihrer Wohnungstür setzen. War es der Farbgeruch, den ihre feine Nase nicht ertrug? Sie sah auf. Das Treppenhaus war in den letzten Wochen offensichtlich gestrichen worden, denn es war nicht mehr grau, sondern leuchtete in dem dämmrigen Licht in einem fahlen Grün. Merkwürdig, dass ihr das jetzt erst auffiel. Was war hier in ihrer Abwesenheit geschehen? Sie überlegte kurz, ob sie sich vielleicht im Haus geirrt habe, aber auch das konnte nicht sein, denn vor ihr lag die von ihr gekauft und eigenhändig dort hingelegte Fußmatte mit der roten Aufschrift ‚Herzlich Willkommen‘ und der inzwischen abgewetzten Ecke. Ein erster Donner zerriss jetzt die Stille. Erschöpft trank sie ein paar Schlucke aus ihrer Thermosflasche und wühlte noch einmal die Tasche nach dem Schlüssel durch. Sie war doch ganz sicher, dass sie ihn eingesteckt hatte. Zu ihrer Übelkeit kam jetzt noch ein Kloß im Hals und sie kämpfte mit den Tränen, fühlte sich schwach und schwitzte. Die Tasche fiel ihr aus der Hand und ihr Inhalt auf die Treppe. Es klapperte und gleich darauf lag das Schlüsselbund zu ihren Füßen. Erleichtert seufzte sie auf. Draußen blitzte es und ein Donnerschlag folgte krachend. Dann begann es zu regnen, in Strömen. Die Spannung des Himmels löste sich. Und ihre eigene würde sich sicherlich auch bald lösen, so dachte sie.

Sie nahm die Schlüssel, stand auf und trat vor ihre Wohnungstür. Erst jetzt fiel ihr auf, dass genauso wie unten bei der Klingel, auch hier ihr Namensschild nicht mehr da war. War es abgefallen? Am Boden lag nichts, auch unter der Fußmatte nicht. Das konnte gar nicht sein, denn sie hatte das kleine Schild bei ihrem Einzug mit zwei Schrauben befestigt. Im Holz sah sie ja die beiden kleinen Löcher, die sie damals gebohrt hatte. Welcher Idiot klaut denn Türschilder, schoss ihr durch den Kopf, als sie den Schlüssel in das Schloss steckte. Irgendetwas klemmte. War es der falsche? Sie zog ihn heraus und betrachtete ihn. Nein, es war der richtige! Schweißtropfen standen ihr jetzt auf der Stirn. Fahrig wischte sie sie fort. Draußen rauschte der Regen die Scheiben herab. Ein Blitz blendete sie und gleich darauf knallte der Donner. Das Unwetter stand offensichtlich genau über ihrem Haus. Sie probierte es noch einmal, aber wieder klemmte der Schlüssel. Sie konnte die Tür zu ihrer Wohnung nicht öffnen. Im Hausflur war es jetzt dunkel, aber ihr fiel nicht ein, den Lichtschalter zu drücken. Sie versuchte es noch einmal mit dem Schlüssel und in ihrer Nervosität vielleicht mit etwas zu viel Kraft. Jedenfalls brach der Schlüssel plötzlich ab. Erschrocken betrachtete sie das Schlüsselloch und dann das Schlüsselende in ihrer Hand. Wieder blitzte und donnerte es. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben des Treppenhauses. Plötzlich hörte sie ein Geräusch aus ihrer Wohnung. Das Licht hinter der Milchglasscheibe ging an. Wer war dort? Jemand drückte vorsichtig die Klinke herunter und öffnete die mit einer Kette gesicherte Tür einen Spalt breit. Ein Mädchen, vielleicht sechs Jahre alt, linste durch den Schlitz. Hinter dem Mädchen erkannte sie ihren Flur, mit ihrem Garderobeständer und ihrem grünen Teppich.

„Du kommst zu spät“, sagte das Mädchen leise, „alle sind fort und jetzt ist keiner mehr da.“ Es lächelte kurz und schloss die Tür mit einem leisen Knacken. „Aber das ist meine Wohnung!“, brauste sie auf und stemmte ihren Arm gegen die schon wieder geschlossene Tür. „Mach sofort auf!“ Sie trat mit dem Fuß gegen das Holz. Von drinnen aber kam keine Reaktion. Kurz darauf erlosch das Licht in ihrem Flur. Sie klopfte noch einmal und rief: „Mach auf!“ Dann legte sie ihr Ohr an das Türglas. Sie hörte Getrappel, leises Kinderlachen und das Zuklappen ihrer Wohnzimmertür. Und dann war es still. Sehr still. Für ein paar Sekunden hatte sie das Gefühl, die Beine würden ihr wegknicken und sie allen Halt verlieren. Was geschah hier gerade? Wo war sie? Hatte sie denn vollkommen die Orientierung oder den Verstand verloren? Wurde sie verrückt? Hatte sie entsprechende Anzeichen ignoriert, Vorwarnungen nicht beachtet? Ihr wurde schwindelig. Sie hielt sich am Treppengeländer fest und setzte sich wieder auf die Stufe.

Ein Donner rollte über das Dach. Das Gewitter schien sich langsam zu entfernen. Der Regen rauschte laut und ihr liefen Tränen über die Wangen. Sie schloss die Augen und wiegte ihren Oberkörper vor und zurück. Ihr Herz raste. Sie versuchte ihre Gedanken zu sammeln, aber es gelang ihr nicht. Dann, sie wusste später nicht mehr, wie lange sie so dort gesessen hatte, erhob sie sich langsam, nahm ihren Koffer und ging die Treppe hinunter. Sie öffnete die Haustür, trat hinaus und hörte, wie hinter ihr das Türschloss erst knackte und dann endgültig einrastete.

Draußen empfing sie Dunkelheit und Regen. Wie in Trance setzte sie Schritt vor Schritt, zog den schweren Koffer hinter sich her und fand sich nach einer Weile auf dem Spielplatz wieder. Sie setzte sich auf eine nasse Bank. Über ihr flackerte unruhig das Licht einer Straßenlaterne. Noch einmal versuchte sie, über ihre Lage nachzudenken, aber in ihrem Kopf war nichts mehr fassbar. Ihr Puls ging schnell, ihr Herz stolperte. „Du musst dich beruhigen“, flüsterte sie sich selbst zu, trank einen Schluck aus der Thermosflasche und atmete danach langsam ein und aus. Vielleicht wäre es gut, einfach aus diesem Alptraum aufzuwachen. In manchen Nächten hatte das schon geklappt. Aber so sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht. Sie konnte nicht aufwachen, weil sie nicht schlief.

In einiger Entfernung quietschte im fahlen Licht der Laterne leise eine leere Schaukel. Wie gerne hatte sie als Kind geschaukelt. Sie erinnerte sich genau an das wunderbare Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren und sich dem Schwingen hinzugeben, manchmal langsam und vorsichtig, manchmal wild und hoch. Ob sie es noch konnte? Sie stand auf, ließ den Koffer neben der Bank stehen und hörte wie, ihre Thermosflasche in den Sand fiel. Sie zog die Schuhe und danach die Strümpfe aus. Dann ging sie barfuß durch den nassen Sand zur Schaukel und setzte sich darauf. Sie stieß ihre nackten Füße in den Sand, hob sie dann hoch und ließ sich sanft hin und her schwingen. Der warme Sommerregen rann ihr über Haare und Schultern. Es fühlte sich an, als würde sie jemand waschen. Aus den umliegenden Häusern drang aus gelben Fenstern Kinderlachen zu ihr herüber.

Später wusste sie nicht mehr, wieviel Zeit auch hier vergangen war, als sie plötzlich in der Dunkelheit eine Gestalt wahrnahm. Sie war klein, und hielt in der einen Hand ein buntes, aufgespanntes Kinderschirmchen. In der anderen Hand trug sie eine Taschenlampe. Sie erkannte sofort das Mädchen aus ihrer Wohnung. Es stand da, im Sand, mit nackten Füßen und hatte nur ein Nachthemd an. Ganz langsam kam es auf sie zu, blieb dann dicht vor ihr stehen, nahm die Taschenlampe und leuchtete damit in ihr Gesicht. „Na gut…“, sagte es nachdenklich und sah sie an, „du kannst mit mir kommen, wenn du willst auch unter meinem Schirm“, und löschte im gleichen Moment das Licht der Lampe. Sie schloss die Augen und fühlte, wie eine Kinderhand ihre ergriff, sie von der Schaukel unter den Schirm zog und sie erst durch den Sand des Spielplatzes und dann durch die nächtlichen Straßen der Stadt führte. Sie ließ es zu.

Am nächsten Morgen fanden ein paar Kinder einen Koffer, eine Thermoskanne, ein paar Schuhe und Strümpfe und ein Schlüsselbund mit einem abgebrochenen Schlüssel auf dem Spielplatz neben der Schaukel im Sand.

(April 2019)