Calenberger Autorenkreis

      





Prosatexte und Gedichte von Cornelia Poser

 


Montagmorgen

Schlafbeere im Haar
heute ist Zögertag
gerade jetzt
ohne mich nimm es
das richtige Wort
und deinen Honig
mein Mund ist dunkel
alle gelbe Süße verschluckt
und verträumt vorm Erwachen



Deklaration

Alles war gut
alles ist noch und bleibt so
mit der kühlen Tapete
auf Wangen und Haupt
verklebt scheint das Rote darunter
doch quillt‘s mir aus Schuhen und Taschen
die schlenkernd ich trag
heute tropfend und schwer
doch morgen schon tanzend
als seien es Blüten
im weißen Haar aus Papier
unter dem es noch glüht


 

Durch den eisernen Vorhang – 1956

Hanna sitzt in der Eisenbahn. Ihr gegenüber sitzt ihr Onkel und neben ihr dessen Frau, die Tante. Beide waren drei Wochen bei Hannas Familie zu Besuch und nun fahren sie zurück zu sich nach Hause und nehmen Hanna mit, nach Irgendwo, dorthin wo sie wohnen. Das liegt hinter dem Eisernen Vorhang, hatten die Erwachsenen gestern zu Hanna gesagt und sehr wichtig dabei geschaut. Hanna hatte überlegt, wie so ein Vorhang aus Eisen wohl aussehen mochte. Der Gartenzaun war aus Eisen und auch die große Tür im Keller, aber ein Vorhang aus Eisen? Wie hart mochte der wohl sein? Tat es vielleicht weh, wenn man durch ihn hindurch fuhr, denn sie mussten ja hindurch, weil Tante und Onkel dahinter wohnten. Oder wurde er vielleicht vorher aufgezogen und danach wieder geschlossen?

„Du fährst mit und machst Ferien dort! Das ist doch schön!“, hatte die Mutter gesagt. Aber niemand hat Hanna gefragt, ob sie das auch schön fand. Und niemand erklärte ihr, was Ferien eigentlich sind, genauso wie ihr niemand sagte, wie sie durch diesen Vorhang kommen würden. Hannas Mutter hatte am Tag vor der Reise einen kleinen Koffer gepackt. Hanna sah zu, wie sie Hosen, Unterhosen, Strümpfe und Pullover sorgfältig hineinlegte. Warum so viele Sachen? – fragte sie sich, aber nicht die Mutter. Zum Schluss legte diese noch eine Zeitschrift in den Koffer, mit Fotografien von schönen Prinzessinnen, schob sie unter den grünen Pullover, so dass man sie nicht mehr sehen konnte. „Die ist für die Tante“, sagte sie leise, „das ist ein Überraschung. Die gibst du ihr erst, wenn ihr da seid.“

Und nun sitzen sie zu dritt im Zug und Hanna weiß nicht, wohin die Fahrt geht, weiß auch nicht, dass es außer ihrer Stadt, in der sie wohnt, noch andere Städte gibt. Ihr ist noch nicht einmal bewusst, dass es andere, fremde Wohnungen gibt, die nicht so aussehen, auch anders riechen, als die der Großeltern. Hanna weiß ebenso wenig, dass diese Fahrt neun Stunden dauern wird, von Hamburg bis nach Dresden. Sie ist zwar schon mit dem Zug gefahren, mit der Vorortbahn, die sie an der Hand der Mutter in kurzer Zeit zu den Großeltern gebrachte hatte und am Abend wieder zurück. Aber sie weiß noch nicht, wie groß die Welt tatsächlich ist und wie weit und lange man manchmal fahren muss, um anzukommen. Hannas Welt war bis heute klein, überschaubar und sicher. Was sie auch nicht weiß ist, dass man sie einfach für zwei bis drei Wochen loswerden möchte. Die Mutter erwartet ihr fünftes Kind, die Geburt steht kurz bevor und ihr wird alles, vor allem die kleinen Kinder um sie, zuviel. Sogar das Kindermädchen scheint ab und zu überfordert zu sein und so verteilt man die Kinder für ein paar Wochen auf Tanten, Großeltern oder Freunde der Familie. Deshalb, und nur deshalb sitzt Hanna heute in der Eisenbahn. Sie ist aufgeregt und schaut ängstlich aus dem Fenster des Zugabteils. Nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hat, geschieht etwas Merkwürdiges. Die Tante zieht ihren Mantel aus, legt ihn ins Gepäcknetz über ihrem Platz und der Onkel hängt sein Jackett an einen Haken neben seinem Sitzplatz. Hanna wundert sich. Sie werden doch gleich alle zusammen wieder aussteigen, denkt sie und weigert sich, ihren Kindermantel auszuziehen. Die Tante redet lange auf sie ein, ihr Mund kommt dicht an Hannas Ohr, ihre Stimme zischt. „Nun mach schon!“ Irgendwann knöpft die Tante einfach Hannas Mantel auf, zieht erst an dem einen und dann an dem anderen Ärmel und Hanna gibt nach, gibt auf, ohne zu verstehen.

„Wann kommt der Vorhang?“, fragt sie irgendwann leise. „Welcher Vorhang denn?“, fragt die Tante etwas unfreundlich. „Na, der aus Eisen…?“, sagt Hanna. Da lacht die Tante plötzlich laut und der Onkel stimmt mit ein. Aber dann halten sie sich ihre Hände vor ihre Münder und flüstern: „Pssst… nicht so laut…“, und sehen sich dabei im Abteil um, aber niemand der anderen Mitfahrenden beachtet sie.  Hanna überlegt. Darf man nicht über den Vorhang reden? Ist er gefährlich? Und was, wenn er gleich da ist? Und was, wenn sie dann auch gleich aussteigen müssen? „Es dauert noch lange!“, sagt die Tante, legt jetzt auch Hannas Mantel ins Gepäcknetz, setzt sich und unterhält sich dann mit dem Onkel. Aber Hanna weißt nicht, was ‚lange‘ ist. Sie kann die Uhr noch nicht lesen, kennt auch keine anderen Zeitmesser, als die ihrer gemachten Erfahrung, in der ‚lange‘ bisher immer sehr bald zuende gewesen ist.

Der Zug rollt. Die Tante sieht aus dem Fenster, der Onkel liest in einer Zeitung. Hanna aber sitzt sprungbereit wie ein Reh auf der Kante der Sitzbank und wartet, auf den Vorhang und auf das Aussteigen. Irgendwann wickelt die Tante Wurstbrote aus und der Onkel schüttet Tee in den Deckel einer roten Kanne. Sie essen und trinken und Hanna soll auch etwas essen, aber sie will nicht. Sie hat keinen Hunger. Wenn der Zug gleich hält und sie aussteigen müssen und sie hat noch das Wurstbrot in der Hand. Hanna hätte Angst, das Aussteigen zu verpassen. Aber der Zug hält nicht an und wenn er es doch tut und Hanna aufspringt und „Aussteigen!“ ruft, dann sagt der Onkel: „Noch lange nicht! Ich sage dir Bescheid“, und lächelt dabei die Tante vielsagend an, lächelt auch über Hanna und ihre Dummheit, das spürt sie. Dabei sind es doch die Erwachsenen, die nicht verstehen.

Nun packt die Tante die Essensreste zusammen und der Onkel lehnt sich zurück. Er schaut aus dem Fenster und schließt nach kurzer Zeit die Augen! Oh nein, denkt Hanna, das darf er nicht tun! Wie soll er denn Bescheid sagen, wenn er schläft und nicht merkt, wenn sie da sind? Hanna steht auf, geht zu ihm und stupst ihn an. Er öffnet ein Auge und dieses Auge schaut verärgert auf Hanna. Die Tante sagt: „Lass den Onkel doch schlafen, er ist müde!“ Hanna widerspricht nicht, aber sie stellt sich vor den Onkel hin. Wie kann sie ihn wach halten, ohne ihn zu stören? Sie legt ihren Kopf auf seinen runden Bauch, hört sein Herz sogar pochen und spürt wie sich sein Arm auf ihren Rücken legt und er mit seiner Hand darüber streicht. So wird er wach bleiben, denkt sie. Aber plötzlich hört die Bewegung auf ihrem Rücken auf und der Onkel fängt an zu schnarchen. Hanna schreckt hoch, sieht in das schlafende Gesicht. Die Tante lächelt. Da streckt Hanna ihren Zeigefinger aus und schiebt das linke Augenlid des Onkels nach oben. Ja, dahinter ist das Auge, da guckt es und ist wach. Schon fährt er hoch. Das rechte Auge funkelt, das andere kneift er vor Schmerz zu. „Was soll das?“, brummt er und reibt sich das Auge. Er ist jetzt wieder ganz wach und Hanna ist zufrieden. Er soll nicht schlafen.

Irgendwann hält der Zug wieder. „Steigen wir aus?“, fragt Hanna und springt auf. „Nein, setz dich hin!“, schimpft der Onkel plötzlich, drückt Hanna zurück auf den Sitz, faltet schnell die Zeitung zusammen und steckt sie in sein Jackett. Hanna sieht aus dem Fenster. Dort auf dem Bahnsteig laufen viele Männer herum. Sie haben alle graue Sachen an und kleine Mützen auf ihren Köpfen, die wie Schiffchen aussehen. Und alle steigen in den Zug ein. Tante und Onkel unterhalten sich jetzt nicht mehr. Die Tante öffnet ihre Tasche und sucht etwas. Der Onkel greift in seine Hosentasche und zieht ein paar Zettel heraus. „Hier“, sagt er und gibt alles zur Tante hinüber.

Auf einmal wird die Tür des Abteils aufgeschoben und ein großer, grauer Mann steht da und sagt etwas sehr laut zu den Erwachsenen. Die Tante schaut plötzlich ängstlich und gibt ihm die Zettel vom Onkel. „Machen Sie mal die Koffer auf“, sagt der Graue, das versteht Hanna. Der Onkel steht auf, nimmt die beiden Koffer aus dem Gepäcknetz, legt sie auf die Bank und öffnet sie. Der graue Mann guckt erst in den großen Koffer. Die Tante soll Dinge hochheben. Er will sehen, was darunter liegt. Dann ist Hannas Koffer dran. Der graue Mann fasst auch ihre Sachen an. Er hebt ihre Pullover hoch und guckt nach, was darunter liegt. Da liegen Hannas Strümpfe und die Unterhosen und natürlich die Zeitschrift mit den Fotografien der Prinzessinnen, das Geschenk für die Tante. Der graue Mann nimmt die Zeitschrift heraus, blättert darin herum und sagt etwas zur Tante. Seine Stimme klingt sehr ärgerlich. Die Tante zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf und schaut ängstlich zum Onkel. Auch der schüttelt den Kopf. Der graue Mann klemmt die Zeitschrift unter seinen Arm.

„Die Zeitung ist aber für Dich!“, ruft Hanna, „das hat Mama gesagt. Schenkst du sie jetzt dem Mann?“, aber die Tante zischt: „Sei still!“ Hanna schaut erschrocken und sagt sehr leise: „Es sollte eine Überraschung für dich sein!“ Die Tante schaut streng. Der Graue schaut auch streng von oben auf Hanna herab. Dann sagt er noch etwas zur Tante, dreht sich um und geht, mit der Zeitschrift unter dem Arm, aus dem Abteil hinaus. Der Onkel macht die Koffer wieder zu und legt sie in das Gepäcknetz zurück. Die Tante stöhnt und lässt sich in die Sitzbank fallen. Der Zug hält lange, aber irgendwann steigen die grauen Männer alle wieder aus, die Pfeife ertönt und es geht weiter. Der Zug wird schneller und immer schneller und vor dem Fenster fliegen wieder die Häuser und Bäume vorbei. Hanna schaut hinaus und wartet. Ach ja, den Vorhang, den hatte sie in der Aufregung ganz vergessen. Er muss bestimmt gleich kommen und das will sie nicht verpassen. Sie schaut und wartet.

Nach einer Weile beugt sich der Onkel zu Hanna herüber, blinzelt ihr zu und flüstert: „Das war der eiserne Vorhang…“ „Wo?“, ruft Hanna und springt auf. „Schon vorbei!“, rufen beide Erwachsenen gleichzeitig und lachen jetzt wieder, etwas zu laut. „Schade!“, sagt Hanna. So schnell sind sie durch den Vorhang durchgefahren und sie hat es nicht gemerkt? Kein schweres Öffnen und Schließen… einfach hindurch sind sie gefahren. Hanna schaut aus dem Fenster. Kein Vorhang ist dort zu sehen, nur Bäume, Häuser und Felder, so wie vorher auch. „Dann sind wir gleich da?“, fragt sie jetzt. „Noch nicht!“, stöhnt der Onkel und die Tante pflichtet ihm wieder bei, „noch lange nicht!“ Sie sitzen jetzt wieder ganz ruhig auf ihren Plätzen. Hanna aber sieht sie unsicher an. Immer noch nicht? „Aber der Vorhang war doch schon!“, sagt sie. Der Onkel lacht: „Ja, ein Glück, der war schon. Da sind wir jedenfalls durch. Ich sage dir Bescheid, wenn wir da sind!“ Hanna glaubt ihm, aber ihre Unruhe bleibt.

Und der Zug rollt und rollt durch das geteilte Land.

(aus: "Vergissmeinnicht - Geschichten aus Hannas Kindheit" - 2019)

 

 


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