Calenberger Autorenkreis

      









Cornelia Poser ist Hamburgerin, lebte nach dem Abitur vierzig Jahre in Berlin und zog 2015 nach Hannover-Linden. Seit 2016 gehört sie zum Autorenkreis. Hier fand sie das, was sie suchte: Autoren, die sich regelmäßig ihre Texte und Gedichte vorlesen und darüber diskutieren - die aber auch Vorträge über Leben und Werk bekannter Schriftsteller erarbeiten. Sie selbst schreibt seit vielen Jahren und hält Vorträge über Das Leben und Werk von Irmgard Keun und Max Frisch. Im März 2019 erschien ihr Buch "Echsenkönig".

 




Montagmorgen

Schlafbeere im Haar
heute ist Zögertag
gerade jetzt
ohne mich nimm es
das richtige Wort
und deinen Honig
mein Mund ist dunkel
alle gelbe Süße verschluckt
und verträumt vorm Erwachen




Sommerfest

Auf dem sonnigen Gartentisch
warten in Gläsern noch einmal
die Worte des letzten Winters
Stoß an!

Vergiss den Schnee
komm zu mir in die Zweige
wir lassen die Beine baumeln
und trinken - alles aus

Dann werfen wir die Gläser
mit einem Lachen weit
fort - hörst du
wie sie zerspringen?

Wen wir aber aufbrechen
spät im Lampionschein
lass uns achtsam gehen
denn im Gras warten Scherben


Die Schaukel

Alles endete und begann gleichzeitig, als sie von einer Reise zurückkehrte und mit dem Zug in ihren Heimatbahnhof einfuhr. Zuerst bemerkte sie fast nichts. Nur das Licht fiel auf, es war sehr hell und die Umrisse der Häuser und Bäume hinter der Zugfensterscheibe schärfer, die Farben intensiver. Sie dachte an ein Gewitter, denn für gewöhnlich beobachtete sie davor dieses besonders intensive Strahlen aller Dinge. Es konnte aber auch mal wieder ihre eigene empfindliche Wahrnehmung sein, die ihr oft, vor dem Eintreffen ungewöhnlicher Ereignisse, alles  plastischer, farbiger und lauter erscheinen ließ.

Als der Zug mit lautem Quietschen bremste, ließ sie den Koffer fallen und legte schützend ihre Hände über die Ohren. Die Mitreisenden vor und hinter ihr drehten sich irritiert um und sie registrierte, wie zwei Frauen miteinander tuschelten und verstohlen zu ihr hinüber sahen. Sie entschuldigte sich leise, hob den Koffer wieder und stieg, nachdem der Zug zum Halten gekommen war, zusammen mit den andern Fahrgästen aus.

Der Bahnsteig war überfüllt, denn es war Freitagabend und der Zug fuhr weiter Richtung Hauptstadt, um dort, wie an jedem Wochenende, planmäßig hunderte von Touristen abzuliefern. Sie bahnte sich einen Weg durch die Menge und nahm die Rolltreppe in das Untergeschoss des Bahnhofes. Als sie schon ein Stück gefahren war, blieb die Treppe auf einmal stehen. An der Seite blinkten rote Lampen auf. Defekt! Sie hob ihren Koffer hoch und wuchtete ihn die eisernen Stufen hinab. Unten angekommen, lehnte sie sich an die Wand, schloss kurz die Augen, fühlte sich müde und überreizt und wollte warten, bis sich die mit ihr Angekommenen etwas zerstreut hatten. In ihren Ohren zischte uns rauschte es. Als die Lärm endlich abebbte, öffnete sie die Augen, nahm ihren Koffer und verließ eilig das Gebäude.  

Die Straßenbahn wartete und lud zum Einsteigen ein. Im Waggon stehend nahm sie gleich darauf hinter sich das Zischen der sich schließenden Türen wahr. Erleichtert, endlich im letzten Abschnitt ihrer Reise zu sein und bald Zuhause anzukommen, setzte sie sich. Die Bahn ruckte an und fuhr los. Während der Fahrt sah sie nicht aus dem Fenster, sondern hing ihren Gedanken an die vergangenen Ferienwochen und ihrer guten Erholung nach. Sie besah sich ihre gebräunten Hände und strich darüber. Eine gesunde Farbe hatten sie in den Bergen bekommen, genauso wie ihr Gesicht, die Arme und die Beine. Alles in Allem hatte sich die Reise wirklich gelohnt. Sie fühlte sich erholt und gerüstet für die Aufgaben, die sie schon vor dem Urlaub geplant hatte und in den kommenden Tagen, bevor sie wieder ins Büro musste, mit Schwung umsetzen wollte. Zu allererst, so hatte sie sich vorgenommen, sollte Altes gesichtet und überlegt werden, ob es in ihrer überfüllten Wohnung vielleicht doch Dinge gab, von denen sie sich trennen konnte und danach würde sie die Gardinen waschen und die Wände neu streichen.

Plötzlich hielt die Bahn. „Bitte aussteigen!“, tönte es aus dem Lausprecher. Sie schaute durch die Fensterscheibe nach draußen und erkannte nichts. Fremde Häuser schienen dort in einer fremden Straße zu stehen. War sie so tief in Gedanken, so weit fort gewesen, dass sie ihre Station verpasst hatte? Die Türen sprangen auf. „Bitte aussteigen!“, schnarrte die Stimme noch einmal. Sie überlegte, mit der nächsten Bahn die Stationen zurück zu fahren, lachte leise in sich hinein, amüsierte sich über ihre eigene Zerstreutheit, die sie - wie ihr jetzt der Gedanke kam - im übertragenen Sinne, schon oft im Leben hatte Stationen verpassen lassen. Gerade als sie die Gleise überschritt und sich dabei, nach Orientierung suchend, immer wieder um die eigene Achse drehte, entdeckte sie das Café an der Ecke und daneben das Antiquitätengeschäft. Beides kannte sie gut. Und schlagartig fügten sich die Bilder um sie und sie erkannte. Wie hatte sie sich so täuschen können, dass ihr nach vier Wochen Urlaub alles Bekannte fremd vorkam? Es war doch in Ordnung. Sie war genau an der richtigen Station ausgestiegen. Erleichtert bog sie, den schweren Koffer auf seinen Rollen hinter sich herziehend, um die Ecke. In der Ferne sah sie den Spielplatz liegen, auf dem sie schon an manchen Tagen Kindern im Sand und beim Schaukeln zugesehen hatte. Sie sah zum Himmel. Dunkle Wolken mit grellhellen Rändern schoben sich über die Dächer der Stadt und kamen direkt auf sie zu. Sollte es ein Gewitter geben? Das würde zumindest teilweise ihre Empfindlichkeit erklären. In der Luft lag jetzt ein Sirren und das Atmen fiel ihr auf einmal schwer.

Sie bog um die letzte Ecke, erreichte ihr Wohnhaus und stellte den Koffer ab. Sie öffnete ihre Handtasche und griff in das Fach nach dem Schlüssel, fühlte ihn aber nicht dort, wo er sonst war. War sie auch beim Packen zerstreut gewesen? Sie spürte eine leichte Ungeduld in sich aufsteigen. Sie mochte es nicht, wenn die Dinge nicht dort waren, wo sie hingehörten. Der Schlüssel hatte seinen Platz immer in demselben Seitenfach, gleich rechts neben der Brieftasche. Sie durchwühlte erst das linke kleine, dann alle anderen Fächer und zuletzt die ganze Tasche, aber ohne Erfolg. Sollte sie ihn etwa in der Berghütte vergessen haben? Da fiel ihr Frau Stumpf ein, die in der Wohnung unter ihr wohnte. Ihr hatte sie, mit der Bitte, die Blumen zu gießen, einen Ersatzschlüssel zur Wohnung gegeben. Als sie den Klingelknopf mit dem Namen Stumpf drückte, sah sie, dass ihr eigenes Namensschild fehlte, es musste abgefallen sein. Ich muss es erneuern, dachte sie. Sie hatte bei ihrem Einzug vor einem Jahr nur einen billigen Papieraufkleber benutzt, den der Regen wahrscheinlich abgewaschen hatte. Die Erklärung schien ihr schlüssig und beunruhigte sie nicht. Aber etwas anderes fiel ihr auf. In der Wand neben der Tür war ein großer Riss zu sehen, der vor ihrer Abreise noch nicht dagewesen war. Gleich Morgen würde sie die Hausverwaltung anrufen müssen. Während sie noch einmal klingelte, hörte sie in der Ferne erstes Donnergrollen.

Endlich surrte die Tür. Sie lehnte sich dagegen, schob sie auf und trug ihr Gepäck nach oben. Vor der Wohnung der Nachbarin blieb sie stehen und wartete, aber nichts geschah. War Frau Stumpf nicht da? Aber die Haustür war ja von jemandem für sie geöffnet worden.  Sie klingelte noch einmal. Wieder passierte nichts. Hinter der milchigen Glasscheibe war es dunkel. Nachdem sie ein paar Minuten die Scheibe angestarrt hatte, nahm sie plötzlich einen im Flur entlanghuschenden Schatten wahr. Sie drückte den Knopf noch ein drittes Mal, diesmal lang und ungeduldig. Warum öffnete die Nachbarin nicht? Da tat sich die Tür doch auf und ein alter Mann erschien. „Ja, bitte?“ Sein Blick war unfreundlich. Sie kannte ihn nicht. Offensichtlich hatte Frau Stumpf Besuch.

„Hallo, ich bin die Nachbarin von oben und wieder aus dem Urlaub zurück. Frau Stumpf hatte meinen Ersatzwohnungsschlüssel in Verwahrung. Ich wollte ihn abholen. Ist Frau Stumpf da?“ Der alte Mann schob die Tür zu einem Schlitz zu: „Hier wohnt keine Frau Stumpf“, sagte er barsch. Hinter dem Mann sah sie auf einem Tischchen das Telefon von Frau Stumpf, das sie ja kannte und in dem das Licht des Anrufbeantworters blinkte.  Der Mann schob die Tür noch weiter zu. „Hier wohne ich“, sagte er durch den nun sehr schmalen Spalt, „ich kenne keine Frau Stumpf.“ Er murmelte noch etwas, das sie nicht verstand, schloss dann die Tür ganz und ließ sie verdattert davor stehen. War Frau Stumpf in den letzten Wochen ausgezogen und dieser Mann eingezogen? Davon hätte sie ihr doch erzählt. War sie vielleicht während ihrer Abwesenheit gestorben? Aber sie war doch ganz gesund und munter gewesen. Sie klingelte noch einmal. Vielleicht konnte der Mann ihr wenigstens die neue Adresse sagen. Diesmal öffnete er schnell: „Lassen Sie mich in Ruhe!“, schnauzte er sie an. „Hier gibt es weder eine Frau Stumpf, noch einen Schlüssel, noch sonst irgendetwas abzuholen!“ Und schlug die Tür zu, dass der Rahmen zitterte.

Vollkommen konsterniert stand sie da und konnte sich minutenlang nicht rühren. Irgendwann aber nahm sie ihren Koffer und stieg hinauf zu ihrer Wohnung. Was sollte sie tun? Ihr wurde plötzlich übel und sie musste sich auf die Treppenstufe vor ihrer Wohnungstür setzen. War es der Farbgeruch, den ihre feine Nase nicht ertrug? Sie sah auf. Das Treppenhaus war in den letzten Wochen offensichtlich gestrichen worden, denn es war nicht mehr grau, sondern leuchtete in dem dämmrigen Licht in einem fahlen Grün. Merkwürdig, dass ihr das jetzt erst auffiel. Was war hier in ihrer Abwesenheit geschehen? Sie überlegte kurz, ob sie sich vielleicht im Haus geirrt habe, aber auch das konnte nicht sein, denn vor ihr lag die von ihr gekauft und eigenhändig dort hingelegte Fußmatte mit der roten Aufschrift ‚Herzlich Willkommen‘ und der inzwischen abgewetzten Ecke. Ein erster Donner zerriss jetzt die Stille. Erschöpft trank sie ein paar Schlucke aus ihrer Thermosflasche und wühlte noch einmal die Tasche nach dem Schlüssel durch. Sie war doch ganz sicher, dass sie ihn eingesteckt hatte. Zu ihrer Übelkeit kam jetzt noch ein Kloß im Hals und sie kämpfte mit den Tränen, fühlte sich schwach und schwitzte. Die Tasche fiel ihr aus der Hand und ihr Inhalt auf die Treppe. Es klapperte und gleich darauf lag das Schlüsselbund zu ihren Füßen. Erleichtert seufzte sie auf. Draußen blitzte es und ein Donnerschlag folgte krachend. Dann begann es zu regnen, in Strömen. Die Spannung des Himmels löste sich. Und ihre eigene würde sich sicherlich auch bald lösen, so dachte sie.

Sie nahm die Schlüssel, stand auf und trat vor ihre Wohnungstür. Erst jetzt fiel ihr auf, dass genauso wie unten bei der Klingel, auch hier ihr Namensschild nicht mehr da war. War es abgefallen? Am Boden lag nichts, auch unter der Fußmatte nicht. Das konnte gar nicht sein, denn sie hatte das kleine Schild bei ihrem Einzug mit zwei Schrauben befestigt. Im Holz sah sie ja die beiden kleinen Löcher, die sie damals gebohrt hatte. Welcher Idiot klaut denn Türschilder, schoss ihr durch den Kopf, als sie den Schlüssel in das Schloss steckte. Irgendetwas klemmte. War es der falsche? Sie zog ihn heraus und betrachtete ihn. Nein, es war der richtige! Schweißtropfen standen ihr jetzt auf der Stirn. Fahrig wischte sie sie fort. Draußen rauschte der Regen die Scheiben herab. Ein Blitz blendete sie und gleich darauf knallte der Donner. Das Unwetter stand offensichtlich genau über ihrem Haus. Sie probierte es noch einmal, aber wieder klemmte der Schlüssel. Sie konnte die Tür zu ihrer Wohnung nicht öffnen. Im Hausflur war es jetzt dunkel, aber ihr fiel nicht ein, den Lichtschalter zu drücken. Sie versuchte es noch einmal mit dem Schlüssel und in ihrer Nervosität vielleicht mit etwas zu viel Kraft. Jedenfalls brach der Schlüssel plötzlich ab. Erschrocken betrachtete sie das Schlüsselloch und dann das Schlüsselende in ihrer Hand. Wieder blitzte und donnerte es. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben des Treppenhauses. Plötzlich hörte sie ein Geräusch aus ihrer Wohnung. Das Licht hinter der Milchglasscheibe ging an. Wer war dort? Jemand drückte vorsichtig die Klinke herunter und öffnete die mit einer Kette gesicherte Tür einen Spalt breit. Ein Mädchen, vielleicht sechs Jahre alt, linste durch den Schlitz. Hinter dem Mädchen erkannte sie ihren Flur, mit ihrem Garderobeständer und ihrem grünen Teppich.

„Du kommst zu spät“, sagte das Mädchen leise, „alle sind fort und jetzt ist keiner mehr da.“ Es lächelte kurz und schloss die Tür wieder mit einem leisen Knacken. „Aber das ist meine Wohnung!“, brauste sie auf und stemmte ihren Arm gegen die schon wieder geschlossene Tür. „Mach sofort auf!“ Sie trat mit dem Fuß gegen das Holz. Von drinnen aber kam keine Reaktion. Kurz darauf erlosch das Licht in ihrem Flur. Sie klopfte noch einmal und rief: „Mach auf!“ Dann legte sie ihr Ohr an das Türglas. Sie hörte Getrappel, leises Kinderlachen und das Zuklappen ihrer Wohnzimmertür. Und dann war es still. Sehr still. Für ein paar Sekunden hatte sie das Gefühl, die Beine würden ihr wegknicken und sie allen Halt verlieren. Was geschah hier gerade? Wo war sie? Hatte sie denn vollkommen die Orientierung oder den Verstand verloren? Wurde sie verrückt? Hatte sie entsprechende Anzeichen ignoriert, Vorwarnungen nicht beachtet? Ihr wurde schwindelig. Sie hielt sich am Treppengeländer fest und setzte sich wieder auf die Stufe.

Ein Donner rollte über das Dach. Das Gewitter schien sich langsam zu entfernen. Der Regen rauschte laut und ihr liefen Tränen über die Wangen. Sie schloss die Augen und wiegte ihren Oberkörper vor und zurück. Ihr Herz raste. Sie versuchte ihre Gedanken zu sammeln, aber es gelang ihr nicht. Dann, sie wusste später nicht mehr, wie lange sie so dort gesessen hatte, erhob sie sich langsam, nahm ihren Koffer und ging die Treppe hinunter. Sie öffnete die Haustür, trat hinaus und hörte, wie hinter ihr das Türschloss erst knackte und dann endgültig einrastete.

Draußen empfing sie Dunkelheit und Regen. Wie in Trance setzte sie Schritt vor Schritt, zog den schweren Koffer hinter sich her und fand sich nach einer Weile auf dem Spielplatz wieder. Sie setzte sich auf eine nasse Bank. Über ihr flackerte unruhig das Licht einer Straßenlaterne. Noch einmal versuchte sie, über ihre Lage nachzudenken, aber in ihrem Kopf war nichts mehr fassbar. Ihr Puls ging schnell, ihr Herz stolperte. „Du musst dich beruhigen“, flüsterte sie sich selbst zu, trank einen Schluck aus der Thermosflasche und atmete danach langsam ein und aus. Vielleicht wäre es gut, einfach aus diesem Alptraum aufzuwachen. In manchen Nächten hatte das schon geklappt. Aber so sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht. Sie konnte nicht aufwachen, weil sie nicht schlief.

In einiger Entfernung quietschte im fahlen Licht der Laterne leise eine leere Schaukel. Wie gerne hatte sie als Kind geschaukelt. Sie erinnerte sich genau an das wunderbare Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren und sich dem Schwingen hinzugeben, manchmal langsam und vorsichtig, manchmal wild und hoch. Ob sie es noch konnte? Sie stand auf, ließ den Koffer neben der Bank stehen und hörte wie, ihre Thermosflasche in den Sand fiel. Sie zog die Schuhe und danach die Strümpfe aus. Dann ging sie barfuß durch den nassen Sand zur Schaukel und setzte sich darauf. Sie stieß ihre nackten Füße in den Sand, hob sie dann hoch und ließ sich sanft hin und her schwingen. Der warme Sommerregen rann ihr über Haare und Schultern. Es fühlte sich an, als würde sie jemand waschen. Aus den umliegenden Häusern drang aus gelben Fenstern Kinderlachen zu ihr herüber.

Später wusste sie nicht mehr, wieviel Zeit auch hier vergangen war, als sie plötzlich in der Dunkelheit eine Gestalt wahrnahm. Sie war klein, und hielt in der einen Hand ein buntes, aufgespanntes Kinderschirmchen. In der anderen Hand trug sie eine Taschenlampe. Sie erkannte sofort das Mädchen aus ihrer Wohnung. Es stand da, im Sand, mit nackten Füßen und hatte nur ein Nachthemd an. Ganz langsam kam es auf sie zu, blieb dann dicht vor ihr stehen, nahm die Taschenlampe und leuchtete damit in ihr Gesicht. „Na gut…“, sagte es nachdenklich und sah sie an, „du kannst mit mir kommen, wenn du willst auch unter meinem Schirm“, und löschte im gleichen Moment das Licht der Lampe.

Sie schloss die Augen und fühlte, wie eine Kinderhand ihre ergriff, sie von der Schaukel unter den Schirm zog und sie erst durch den Sand des Spielplatzes und dann durch die nächtlichen Straßen der Stadt führte. Sie ließ es zu.

Am nächsten Morgen fanden ein paar Kinder einen Koffer, eine Thermoskanne, ein paar Schuhe und Strümpfe und ein Schlüsselbund mit einem abgebrochenen Schlüssel auf dem Spielplatz neben der Schaukel im Sand.

(April 2019)



Nachtigall

Im Hof sitzt auf einem Ast der mit Efeu umwachsenen Weide ein kleiner graubrauner Vogel und putzt sein Gefieder. Ab und zu hebt er den Kopf und blickt mit schnellen, ruckenden Bewegungen um sich, dann steckt er den Schnabel wieder in die Federn und zupft daran herum. Dieser Vogel ist neu hier bei mir. Ich kenne ihn nicht. Jeden Tag sitzen Vögel dort in dem Baum und ich beobachte sie beim Frühstück von meinem Platz am Küchentisch aus. Da gibt es das fette Taubenpaar, das immer pünktlich morgens seine Besichtigung im Blattwerk macht. Wahrscheinlich überlegt es täglich wieder neu, ob das Geäst als Brutplatz geeignet sei. Dann kommt manchmal der Eichelhäher. Groß und mit den Flügeln wild schlagend beansprucht er einen dicken Ast für sich alleine und verscheucht alles, was dort sitzt. Das sind manchmal ein paar Meisen, seltener ein Grünfink, ab und zu eine Amsel, fast nie die Elster. Und am Abend gurren wieder die Tauben. Heute aber sitzt er dort ganz allein in den Zweigen. Ich habe nicht nur ihn noch nie hier gesehen, sondern überhaupt solch einen Vogel. Und allein deshalb könnte es eine Nachtigall sein. Ist sie schon zurück aus dem südlichen Winterquartier?

Ich weiß, die Nachtigall hat ein graubraunes unscheinbares Gefieder, ist nicht besonders groß und sehr scheu. Ja, genauso sieht dieser Vogel aus. Ich betrachte ihn durch die Fensterscheibe und stelle mir vor, wie schön es wäre, wenn er bliebe. Und ich denke an all die Nachtigallen, die ich zwar nie gesehen, aber schon so oft gehört habe. Ja, ich habe sie wirklich gehört, auch wenn die Freunde, denen ich davon erzähle, ungläubig ihre Köpfe schütteln. Eine Nachtigall? Die habe ich in der Natur noch nie gehört, sagen sie.

Im Internet finde ich viele Informationen über die Nachtigall. Ein Bild ist dort neben dem anderen von ihr zu sehen, jedes Foto zeigt sie von ganz Nahem, alle sind am Tag aufgenommen. Dort wird vor allem ihre Scheu beschrieben, aber auch das Balzverhalten, das die Männchen zu ihrem eigenartigen nächtlichen Gesang veranlasst. Ich lese, dass der Mensch der größte Feind der Nachtigall sei. Ich kann mir am PC auch ihren Gesang anhören, zu jeder Tages-, Nacht-, oder Jahreszeit und wenn ich will, auch dreiunddreißig Mal hintereinander. Ich kann mich an den Kommentaren in den Nachtigallforen erfreuen, oder mich darüber wundern.

Mir fällt ein, auch ich hörte den Gesang der Nachtigall zum ersten Mal nicht in der Natur, sondern von einer Schallplatte. Wir bekamen sie als Kinder zum Weihnachtsfest geschenkt, in den späten Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Am Tag nach dem Fest wurde der Schallplattenschrank unter dem großen Radio geöffnet und der Vater legte die Platte vorsichtig auf den Teller, bog den kleinen Arm des Gerätes zurück und die schwarze Scheibe begann sich zu drehen. Zuerst kam ein Knistern aus dem Radio, dann hörte man eine leise Musik und gleich darauf die sonor klingenden Worte des Vorlesers.

Gebannt lauschten meine Geschwister und ich der Stimme, die von einem Kaiser berichtete, der einen wunderschönen Garten besaß, der so groß war, dass selbst der Gärtner sein Ende nicht kannte und in dem es seltene Blumen, hohe Bäume, Seen und Vögel gab. Dort lebte die Nachtigall, deren Gesang alle, die ihn hörten, in ihrer Arbeit innehalten ließen, um ihm zu lauschen. Aus dem Radio ertönte nun der Gesang der Nachtigall, laut, wild und jubilierend, mit diesen ziehenden langen Tönen zwischendurch, die so charakteristisch sind. Ich hörte staunend zu. Der Vorleser berichtete weiter, dass die Kunde von der singenden Nachtigall den Kaiser erreichte, der erbost darüber war, dass es etwas so Wertvolles in seinem Reich gab und er es nicht kannte. Er schickte Personal aus, den Vogel zu suchen. Man fand die Nachtigall tatsächlich und lud sie höflich für den Abend zum Kaiser ein. „Ich singe am schönsten im Grünen“, entgegnete sie, ließ sich aber überreden, erschien abends im großen Kaisersaal und begann zu singen, so schön, dass dem Kaiser die Tränen in die Augen traten.

Wir wissen, wie das Märchen von Andersen weiter geht. Die Nachtigall muss bleiben und am seidenen Band gefesselt täglich zweimal für den Kaiser singen. Kurz darauf bekommt dieser ein Päckchen geliefert, das eine künstlich hergestellte Nachtigall enthält, besetzt mit Diamanten und Rubinen. Hier verdunkelte sich die Stimme des Vorlesers auf der Schallplatte und als deutlich wurde, dass der Kaiser das Kunstgebilde dem Naturvogel vorzog, auch weil es dreiunddreißig Mal hintereinander ohne Zögern dasselbe Lied gesungen hatte, nahm das Märchenschicksal seinen Lauf. Ich hörte, wie sich der kleine echte Vogel zurückzog und dem künstlichen das Feld überließ. Die künstliche Nachtigall wurde bestaunt, weil man ihren metallischen Bauch öffnen und das innenliegende Räderwerk betrachten konnte. Der Mensch hat eben gern die Kontrolle über die Dinge.

Aber wir kleinen Zuhörer am Radioapparat ahnten schon, dass sich dies sehr bald ändern würde. Nach einem Märchenjahr versagte das mechanische Vögelchen und war nicht zu reparieren. Der Kaiser wurde darauf sterbenskrank, bis die echte Nachtigall zurück kam und ihn gesund sang, so dass sogar der Tod, der schon an seinem Bett saß, entzückt zuhörte. Erst viele Jahre später begriff ich dessen Satz: „Fahre fort, kleine Nachtigall, fahre fort!“, richtig, nämlich als große Einladung an das Leben.

Inzwischen gibt es die alte Platte nicht mehr. Aber wie oft habe ich damals das Märchen wohl gehört? Mich faszinierte nicht nur der Gesang der Nachtigall, sondern auch die Aussage, dass sie nur singt, wenn sie selbst es will, dass man sie niemals dazu zwingen kann und darf. Wenn sie aber singt, freiwillig, dann tut sie es mit Hingabe und zur Freude ihrer nächtlichen Zuhörer. Und ich lernte ebenso, dass man auch im menschlichen Dasein niemanden zu etwas zwingen darf, dass man Geduld haben muss und genau hinhören muss, um zu verstehen.

Meine erste echte Nachtigall hörte ich dann vor sehr vielen Jahren auch. Es war an einer Auffahrt zur Stadtautobahn in Berlin. Dort gab es ein großes Gebüsch, in dem sie an diesem späten Frühlingsabend sang. Es war warm und ungefähr eine Stunde vor Mitternacht, als ich mit geöffneten Seitenfenstern an ihr vorbei fuhr. Ich sah sie nicht, aber ihr Gesang war eindeutig. Ich erkannte ihn sofort wieder, von der Schallplatte meiner Kindheit. Der Vogel sang sehr laut und wunderbar eigenartig. Leider konnte ich nicht anhalten und hörte den Gesang nur für kurze Momente. In diesem Frühjahr nutzte ich jede Gelegenheit abends diese Auffahrt hinauf zu fahren, nur um sie singen zu hören. Auch in dem kommenden Jahr war sie noch da und sang, immer gerade wenn ich vorbei fuhr. Dann baute man die Auffahrt aus und rodete das Gebüsch. Nach den Bauarbeiten war es still.

Oft habe ich danach im Laufe meines Lebens die Nachtigall gehört, in lauen Mainächten, in den Städten oder auf dem Land, in Parks oder im Wald. Immer war sie irgendwo in meiner Nähe. Manchmal mussten wir uns etwas suchen, aber wenn wir uns dann fanden, hielt ich inne und lauschte ihr, bis sie weiterzog und mir an einem anderen Ort neu begegnete. So ist es all die Jahre gegangen und nun lebe ich weit fort in einer anderen Stadt.

Ich schaue in die Weide im Hof, wo sich meine kleine Nachtigall vielleicht immer noch im Efeu versteckt. Ich werde warten, auf die warmen Mainächte. Und ich muss etwas Geduld haben. Aber ich bin sicher, sie wird kommen und wieder für mich singen.

 

 


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