Calenberger Autorenkreis

      





Gedichte und Prosatexte von Cornelia Poser

 



Montagmorgen

Schlafbeere im Haar
heute ist Zögertag
gerade jetzt
ohne mich nimm es
das richtige Wort
und deinen Honig
mein Mund ist dunkel
alle gelbe Süße verschluckt
und verträumt vorm Erwachen




Vorfrühling

Komm doch mit mir zu dem Weidenbaum
der unten am Wasser steht
durch seine Zweige seit gestern Nacht
ein zarter Frühlingswind weht

Mit Kätzchen schmückt er sich weich wie Flaum
der alte Baum dort am Fluss
in deine Hände nimm eines ganz sacht
und fühl nur es ist ein Kuss

Der Winter kam und nahm sich Raum
und Küsse schliefen lang
nun tasten vor sie sich seit der Nacht
noch ist ihnen etwas bang


Nachtigall

Im Hof sitzt auf einem Ast der mit Efeu umwachsenen Weide ein kleiner graubrauner Vogel und putzt sein Gefieder. Ab und zu hebt er den Kopf und blickt mit schnellen, ruckenden Bewegungen um sich, dann steckt er den Schnabel wieder in die Federn und zupft daran herum. Dieser Vogel ist neu hier bei mir. Ich kenne ihn nicht. Jeden Tag sitzen Vögel dort in dem Baum und ich beobachte sie beim Frühstück von meinem Platz am Küchentisch aus. Da gibt es das fette Taubenpaar, das immer pünktlich morgens seine Besichtigung im Blattwerk macht. Wahrscheinlich überlegt es täglich wieder neu, ob das Geäst als Brutplatz geeignet sei. Dann kommt manchmal der Eichelhäher. Groß und mit den Flügeln wild schlagend beansprucht er einen dicken Ast für sich alleine und verscheucht alles, was dort sitzt. Das sind manchmal ein paar Meisen, seltener ein Grünfink, ab und zu eine Amsel, fast nie die Elster. Und am Abend gurren wieder die Tauben. Heute aber sitzt er dort ganz allein in den Zweigen. Ich habe nicht nur ihn noch nie hier gesehen, sondern überhaupt solch einen Vogel. Und allein deshalb könnte es eine Nachtigall sein. Ist sie schon zurück aus dem südlichen Winterquartier?

Ich weiß, die Nachtigall hat ein graubraunes unscheinbares Gefieder, ist nicht besonders groß und sehr scheu. Ja, genauso sieht dieser Vogel aus. Ich betrachte ihn durch die Fensterscheibe und stelle mir vor, wie schön es wäre, wenn er bliebe. Und ich denke an all die Nachtigallen, die ich zwar nie gesehen, aber schon so oft gehört habe. Ja, ich habe sie wirklich gehört, auch wenn die Freunde, denen ich davon erzähle, ungläubig ihre Köpfe schütteln. Eine Nachtigall? Die habe ich in der Natur noch nie gehört, sagen sie.

Im Internet finde ich viele Informationen über die Nachtigall. Ein Bild ist dort neben dem anderen von ihr zu sehen, jedes Foto zeigt sie von ganz Nahem, alle sind am Tag aufgenommen. Dort wird vor allem die Scheu beschrieben, aber auch das Balzverhalten, das die Männchen zu ihrem eigenartigen nächtlichen Gesang veranlasst. Ich lese, dass der Mensch der größte Feind der Nachtigall sei. Ich kann mir am PC auch ihren Gesang anhören, zu jeder Tages-, Nacht-, oder Jahreszeit und wenn ich will, auch dreiunddreißig Mal hintereinander. Ich kann mich auch an den Kommentaren in den Nachtigallforen erfreuen, oder mich darüber wundern.

Mir fällt ein, auch ich hörte den Gesang der Nachtigall zum ersten Mal nicht in der Natur, sondern von einer Schallplatte. Wir bekamen sie als Kinder zum Weihnachtsfest geschenkt, in den späten Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Am Tag nach dem Fest wurde der Schallplattenschrank unter dem großen Radio geöffnet und der Vater legte die Platte vorsichtig auf den Teller, bog den kleinen Arm des Gerätes zurück und die schwarze Scheibe begann sich zu drehen. Zuerst kam ein Knistern aus dem Radio, dann hörte man eine leise Musik und gleich darauf die sonor klingenden Worte des Vorlesers.

Gebannt lauschten meine Geschwister und ich der Stimme, die von einem Kaiser berichtete, der einen wunderschönen Garten besaß, der so groß war, dass selbst der Gärtner sein Ende nicht kannte und in dem es seltene Blumen, hohe Bäume, Seen und Vögel gab. Dort lebte die Nachtigall, deren Gesang alle, die ihn hörten, in ihrer Arbeit innehalten ließen, um ihm zu lauschen. Aus dem Radio ertönte nun der Gesang der Nachtigall, laut, wild und jubilierend, mit diesen ziehenden langen Tönen zwischendurch, die so charakteristisch sind. Ich hörte staunend zu. Der Vorleser berichtete weiter, dass die Kunde von der singenden Nachtigall den Kaiser erreichte, der erbost darüber war, dass es etwas so Wertvolles in seinem Reich gab und er es nicht kannte. Er schickte Personal aus, den Vogel zu suchen. Man fand die Nachtigall tatsächlich und lud sie höflich für den Abend zum Kaiser ein. „Ich singe am schönsten im Grünen“, entgegnete sie, ließ sich aber überreden, erschien abends im großen Kaisersaal und begann zu singen, so schön, dass dem Kaiser die Tränen in die Augen traten.

Wir wissen, wie das Märchen von Andersen weiter geht. Die Nachtigall muss bleiben und am seidenen Band gefesselt täglich zweimal für den Kaiser singen. Kurz darauf bekommt dieser ein Päckchen geliefert, das eine künstlich hergestellte Nachtigall enthält, besetzt mit Diamanten und Rubinen. Hier verdunkelte sich die Stimme des Vorlesers auf der Schallplatte und als deutlich wurde, dass der Kaiser das Kunstgebilde dem Naturvogel vorzog, auch weil es dreiunddreißig Mal hintereinander ohne Zögern dasselbe Lied gesungen hatte, nahm das Märchenschicksal seinen Lauf. Ich hörte, wie sich der kleine echte Vogel zurückzog und dem künstlichen das Feld überließ. Die künstliche Nachtigall wurde bestaunt, weil man ihren metallischen Bauch öffnen und das innenliegende Räderwerk betrachten konnte. Der Mensch hat eben gern die Kontrolle über die Dinge.

Aber wir kleinen Zuhörer am Radioapparat ahnten schon, dass sich dies sehr bald ändern würde. Nach einem Märchenjahr versagte das mechanische Vögelchen und war nicht zu reparieren. Der Kaiser wurde darauf sterbenskrank, bis die echte Nachtigall zurück kam und ihn gesund sang, so dass sogar der Tod, der schon an seinem Bett saß, entzückt zuhörte. Erst viele Jahre später begriff ich seinen Satz: „Fahre fort, kleine Nachtigall, fahre fort!“, richtig, nämlich als große Einladung an das Leben.

Inzwischen gibt es die alte Platte nicht mehr. Aber wie oft habe ich damals das Märchen wohl gehört? Mich faszinierte nicht nur der Gesang der Nachtigall, sondern auch die Aussage, dass sie nur singt, wenn sie selbst es will, dass man sie niemals dazu zwingen kann und darf. Wenn sie aber singt, freiwillig, dann tut sie es mit Hingabe und zur Freude ihrer nächtlichen Zuhörer. Und ich lernte ebenso, dass man auch im menschlichen Dasein niemanden zu etwas zwingen darf, dass man Geduld haben muss und genau hinhören muss, um zu verstehen.

Meine erste echte Nachtigall hörte ich dann vor sehr vielen Jahren auch. Es war an einer Auffahrt zur Stadtautobahn in Berlin. Dort gab es ein großes Gebüsch, in dem sie an diesem späten Frühlingsabend sang. Es war warm und ungefähr eine Stunde vor Mitternacht, als ich mit geöffneten Seitenfenstern an ihr vorbei fuhr. Ich sah sie nicht, aber ihr Gesang war eindeutig. Ich erkannte ihn sofort wieder, von der Schallplatte meiner Kindheit. Der Vogel sang sehr laut und wunderbar eigenartig. Leider konnte ich nicht anhalten und hörte den Gesang nur für kurze Momente. In diesem Frühjahr nutzte ich jede Gelegenheit abends diese Auffahrt hinauf zu fahren, nur um sie singen zu hören. Auch in dem kommenden Jahr war sie noch da und sang, immer gerade wenn ich vorbei fuhr. Dann baute man die Auffahrt aus und rodete das Gebüsch. Nach den Bauarbeiten war es still.

Oft habe ich danach im Laufe meines Lebens die Nachtigall gehört, in lauen Mainächten, in den Städten oder auf dem Land, in Parks oder im Wald. Immer war sie irgendwo in meiner Nähe. Manchmal mussten wir uns etwas suchen, aber wenn wir uns dann fanden, hielt ich inne und lauschte ihr, bis sie weiterzog und mir an einem anderen Ort neu begegnete. So ist es all die Jahre gegangen und nun lebe ich weit fort in einer anderen Stadt.

Ich schaue in die Weide im Hof, wo sich meine kleine Nachtigall vielleicht immer noch im Efeu versteckt. Ich werde warten, auf die warmen Mainächte. Und ich muss etwas Geduld haben. Aber ich bin sicher, sie wird kommen und wieder für mich singen.

 

 


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