Calenberger Autorenkreis

      



Prosatexte und Gedichte von Renate Folkers

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MEIN KLEINES DORF oder Wenn die Küste deine Welt ist

Ein letztes Mal fahre ich mit dem Bus nach Hause in mein kleines Dorf. Raus aus der Stadt, vorbei an der Schule, am Supermarkt und an der Siedlung, in der früher Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten untergebracht waren. Heute stehen die Häuser leer und die Fenster gaffen einen an, als wollten sie sagen: „Schickt uns endlich die Abrissbirne. Wir haben unsere Schuldigkeit getan, verschandeln nur die Landschaft“.

Recht haben sie. Nach einigen Bauernhöfen am Stadtrand und der Reithalle in Schobüll folgt meine Haltestelle. Ich steige aus. Es ist Spätnachmittag. Die Sonne hat sich durch die Wolken gekämpft, ihre Strahlen erzeugen ein Glitzern auf dem Meer. Die Wellen blinken, als wollten sie mir ein fröhliches „Auf Wiedersehen“ herüberwinken. Ich heule Rotz und Wasser. Mir ist, als würde die alte Weltenseele mir einen geliebten Menschen entreißen. Wie ein Stück eigenes Sterben fühlt es sich an. Mein Magen krampft. WAS ist los?

Ich selbst traf die Entscheidung, mein kleines Dorf an der Küste einzutauschen für ein Leben mit einem Mann in einer anderen Stadt, einer anderen Welt! Treffe ich auf das, was ich mir erträumte, wofür ich dieses alles hergebe? Warum tut es so weh? Du glaubst, du hältst den Schmerz nicht aus, denkst nicht an das Schöne, das vor dir liegt, weswegen du das alles machst.

Ich verspreche hoch und heilig bei meiner Nordsee, bei dem rauen Wind, den ich so liebe und den fetten Weiden mit ihren Schafen und Kühen darauf, dass es kein Abschied für immer sein wird. Ich werde zurückkehren, für Tage, vielleicht für Wochen, werde meinen Hafen anschauen und ins Meer spucken. Ich werde durch die kleinen Gassen gehen und die Rehe im Wald besuchen und natürlich das Kirchlein am Meer. Und nirgendwo auf der Welt ist es schöner als hier. Schon gar nicht in der neuen Welt!

Das Wetter gibt sein bestes. Der Fußweg führt mich vorbei an Gärten, in denen rosa Röschen ihre geöffneten Blüten der Sonne entgegenrecken. Der Lavendel übertrifft sich selbst. Stolz, in seinem allerschönsten Lila, überragt er die Rosen und wiegt sich im Rhythmus des lauen Sommerwindes. Einige Dutzend Hummeln laben sich an seinen Blüten und weiße Schmetterlinge lassen sich hier und da auf der üppigen Farbenpracht nieder. Die Sonne lässt das Meer in seinem schönsten Blau erscheinen. Eine Landzunge am Horizont scheint sich ein Stück weit aus dem Meer zu erheben. Ein harmonisches Schauspiel der Natur. Und ICH mitten drin.

Ich gehe ins Haus. Kein Medium brüllt mir entgegen, keine Nachrichten zerstören das Idyll. In der großen Diele nehme ich Platz in einem Sessel vor dem Kamin und schaue in den Garten. Auf dem Rasen lange Schatten der Bäume aus dem Nachbargarten. Dahinter Krüppelkiefern, gerade noch angestrahlt vom Licht der sich neigenden Sonne und zwischen ihnen feist und prachtvoll der Dachstuhl eines neu errichteten Hauses, von dem der Wind das fröhliche Gehämmer eines Handwerkers herüberträgt. Eines Tages werden glückliche Menschen in dieses Haus einziehen. Glücklich, einander gefunden zu haben. Wahrscheinlich werden sie dieses schöne Fleckchen Erde niemals verlassen. Und ich? Habe ich meine Seele verhökert? Gehen oder bleiben?

Ich geh ...   hier nicht weg! Und doch ging ich fort!

Über ein Jahrzehnt lebte ich an einem Ort, fernab von der geliebten Heimat ohne jemals ein Teil dieser Welt geworden zu sein. Eines Tages hielt es die ausgehungerte Seele nicht mehr aus. Sie ging in die Weigerung und wurde krank. Der Verstand klagte an und der Kopf schlug Alarm.

In einer Welt, so wenig geborgen,
befremdlich, entlegen und voller Sorgen
wollt ich nicht sein!
befremdlich, entlegen und voller Sorgen
eine Bleibe, ein Nest, doch fand es ein Riff,
das schroff und spröde mich erschöpfte.

Der wache Blick, der sieht nach vorn,
und eine Rückschau ohne Zorn
haben mein Leben verändert
Doch:
Ich bin nicht mehr die,
die alles aushält,
und nicht mehr die,
die glaubt, dass sie,
wenn sie hinfällt und strauchelt,
nicht wieder aufsteht.

Ich bin die, die den Schalter nicht fand
In deinem dicken Fell aus Ignoranz
Und Selbstherrlichkeit
Und die nicht verstand,
dass du nicht kapiert hast,
worauf es mir ankommt!
Dass man im Leben miteinander nur auskommt,
wenn einer den anderen achtet und schätzt,
und nicht einer allein den ganzen Tag schwätzt.

Ich bau eine Mauer um mich zu schützen,
dich auf Abstand zu halten.
Wenn endlose Monologe
wie gierige Tentakeln
einer schleimigen Feuerqualle
meine Kräfte verschlingen,
dann wird sie mir nützen.

Ich hätte mich gerne mal fallen gelassen
zurückgelehnt, ohne aufzupassen.
Und sollt ich mal stolpern,
dann wärest du da...
doch warst du mir nicht wirklich nah.
In meiner Welt
solltest du Ritter,
Beschützer sein und Held,
der Fels in der Brandung
und Heimat und Welt.

Aber Wunschdenken ist naiv
und schürt die infantile Version vom Frosch,
der am Schluss
zum Prinz wird nach jenem Kuss.

Doch das Zerplatzen
nach dem Klatsch an die Wand
öffnet die Augen.

Es gab keine Scherben
und kaum ein Gewitter,
doch in meiner Seele sitzen noch Splitter
der Trauer und Wut
über die eigene Ohnmacht,
HALT! zu schreien,
es reicht, es ist gut!

Ich bin ich
und ich bin nicht du,
und dich zu ändern,
das steht mir nicht zu.

Mit dieser Erkenntnis endlich dann
kam ich an der Küste wieder an.

*  *  *  *  * 

Schmetterlingsreigen

 

Durch den Wald ging ich hinab an den Strand,

spürte deutlich schon die kleine Hand

von innen her in meinem Leib,

damals gingen wir zu zweit.

 

Es war ganz still, kein Möwengeschrei.

Plötzlich mein greller Hilfeschrei

zerriss die Stille, der Sand färbte sich rot

das kleine Leben in mir, es war tot!

 

Nun lausche ich der Stille allein,

ich denk an Dich, und tauche ein

in Deine Welt, du bist so nah,

und so wie damals – wieder da.

 

Und so beisammen hören wir dann

der Vogelstimmen vertrauten Klang.

Wie viele Stunden ich so verweile,

ich weiß es nicht, ich hab keine Eile.

 

Kleine Hand in meiner Hand,

du bist bei mir aus dem Niemandsland.

Ich bin bei Dir,

im Jetzt und Hier.

 

Die Nachtigall beginnt zu singen.

Mir ist, als würde ich dich umschlingen

in einer Weise, die mir so vertraut,

unendlich leise, kein bisschen laut.

 

Umwoben von Liebesgedanken nur,

wie Träume an einer Perlenschnur

lass’ ich mich ein, fühl mich geborgen,

in dieser Welt braucht es kein morgen.

 

Plötzlich vernehme ich fröhliches Geigen,

Du tanzt dazu im Schmetterlingsreigen

den Tanz der Freiheit, befreit von Schmerz.

Nun weiß ich’ s: Dir geht es gut, mein Herz.

 

Die Geige schweigt, die Träume entschweben,

ich bin umgeben von stillem Leben,

atme die Stille und Gedanken verloren

fühle ich mich wie neu geboren.

 

Und so getröstet bin ich unsäglich stark,

geh langsam heim durch unseren Park.

Nehme Dich mit, den Schmerz lass ich hier

und weiß es genau: Du bleibst immer in mir.

*  *  *  *  *  *


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