Calenberger Autorenkreis

      

Wilhelm Stenzel - Leseproben



Zum Abschied   (in memoriam Usch)

O Sehnsucht, O Heimweh,

wir – unsichtbar in eurem Schatten,

die Füße, in einem Traum,

die Hände, an seinem Saum:

fassen – was nicht zu fassen,

kleiden – was nicht zu verlassen,

vornübergebeugt,

in Worte…


Und geben zurück,

was dein ist, o Glück:

„Das Leben“,

das keinem für immer gegeben.

Und fordern dafür: Die Liebe,

die mehr ist, als jedes Wort,

mehr als jegliche Zeit:

Von nun an,

bis in Ewigkeit.



Hast Du das auch schon mal empfunden?  (für Usch Kühn)

Gestern

Abend war es, viel zu früh begann die Nacht zu dämmern,

ein Weg, ein Busch, dahinter eine Bank…

Alles ist aufgeraut, ist überschattet,

nur ein bedeckter Laut,  - minutenlang –

durchstreift die Luft, kommt ganz allmählich näher,

es ist ein Spruch, den man nicht hört und doch versteht,

das eigne Leben scheint sich rückwärts zu bewegen,

es ist ein Hauch, der ins Vergessen weht.

 

Hast Du das auch schon mal empfunden:

Ein Gärtchen nur, doch ein Gedanke endlos weit,

scheint übermächtig, scheint dich zu verwandeln,

zeugt Hoffnungen – und macht dich rauschbereit.

Und trunken bist du, vielleicht ein wenig müde,

du bist allein, doch in Gedanken nicht allein.

Du hörst Musik von Bach, von Händel eine Fuge

und liest ein Buch, vielleicht, bei einem guten Wein.

 

(Wilhelm Stenzel zum 31.8.16)


Auf der Intensivstation


Hier die Bewegung, dort die Stille,

ein geräuschloses Echo durchwandert den Raum.

Hier sind Gedanken in endloser Fülle,

dort ist die Leere ein entblätterter Baum

 

Bin ich ein Seher, ein Magier der Worte,

wer führt mir im Traume die zitternde Hand?

Wer schürt meinen Zorn, meine heimlichen Ängste

Was sagt mein Gefühl mir, was mein Verstand?

Hier wirkt das Trauma, dort ein Erschrecken,

mir ist, als verkoche mein pulsendes Blut.

An diesem Abend überragen Minuten Jahrzehnte.

Was bringt mir der Morgen, wird alles gut?

 

Nachts: Blutabnahme, Infusionen… in Intervallen.

Kontrollen, Fragen, Notizen, rund um die Uhr.

Die leise Bewegung, die geräuschvolle Stille:

Ist das alles die Wahrheit – oder träume ich nur?


(Wilhelm Stenzel, September 2016)


Immer wieder fallen Dinge aus dem Rahmen

Wieder einmal, kaum vernehmbar, fern am Rand der Ewigkeit

Tönt des Tages letztes Echo, überwindend Raum und Zeit.

Diesem folgst du tief im Sinnen, rückwärtsblickend Stund um Stund,

und erkennst meist widerwillig manchen Traumes wahren Grund.


Und erschauerst immer wieder, bist besorgt jedoch du steigst

Über deines Wissens Grenzen und du zweifelst, doch du schweigst.

Blickst auf Wege unbegehbar, undurchschaubar, fern und fremd,

dennoch suchst du, trotzdem träumst du, doch am Ende ungehemmt,


ziehst du leise klagend weiter, folgst der nie durchschauten Spur:

des gebieterischen Hoffens und bleibst doch ein Träumer nur.

Was erkennst du, was durchschaust du? Ob zu früh, ob viel zu spät,

immer war dir lieb und teuer was im Rausche du gesät.


Und wie heute, so auch morgen, wenn auch dunkel, unbewußt,

sagt die Last – gleich deiner Lust dir – ach, du willst nicht! Nein, du musst.

Höre, sehe, suche, sinne! Ach, des Wunsches Quelle rauscht…

Weißt du, was da in dir nachhalt? Nein! Doch du zögerst, doch du lauschst.

Wilhelm Stenzel, 2016



Zeichnung: Wilhelm Stenzel


Zeichnung: Wilhelm Stenzel



August


Diestel und Klatschmohn blühen wieder,

hinter Büschen verborgen ein Bach

flüstert - und Wellen und Lieder

unter dem Blätterdach

alter verkrüppelter Weiden

umraunen Ufer und Steg.

Freuden treffen auf Leiden,

gehen den gleichen Weg,

sind wie die Frucht auf den Zweigen

zur Reife, zum Fallen bestimmt.

Ein alle umfassender Reigen,

der niemals ein Ende find.

Schneeball verblühte und Flieder,

doch immer noch murmelt der Bach,

treibt Wellen und singt seine Lieder

immer und immer wieder

unter dem Blätterdach.

(Wilhelm Stenzel 2016)






Gegen den Strom

Gegen den Strom rudern die beiden, die

Freunde sind, hinaus in die Nacht.

Doch so wie die Lust sie hat vorwärtsgetrieben,

bremst nun die Angst die, mit aller Macht...


Und sie vergleichen, - für einen Moment, - das

wellende Wasser, den Mondenschein, den

schwnakenden Kahn, mit dem eigenen Sein... und

und ziehen erschaudernd das Ruder zurück,

jeder für sich, einen Augenblick.