Calenberger Autorenkreis

      

Uwe Märtens - Leseproben

Das Gute an schlechten Nachrichten:

Ein Thema für den ganzen Tag


Brief an einen Fremden

Vor Weihnachten, in der Zeit, da das Grau von Tag und Nacht kaum, unterscheidbar scheint und in diesen Schatten der Zeit der Wind die nasskalte Feuchtigkeit vor sich hertreibt, denke ich öfter an dich. Wenn du doch da wärst. Wenn du mir doch gegenübersitzen könntest.Aber du bist ja da. Nur wo dieses „da“ ist, das weiß wer weiß. Ich erinnere mich an die Tage, an denen wir die Zeit miteinander und doch oft nebeneinander verbrachten. Wir waren so verschieden wie Brüder nur sein können. Deine Meinung war deine und diese Meinung zugleich Hausrecht, egalwo du auch warst. Irgendwie „ganz der Vater“ wie man so sagt, doch damit täte ich dir Unrecht. Wir kennen unseren Vater ja beide. Nachdem du über Jahre verschollen geglaubt warst und wir uns auch nicht immer gesucht hatten, standest du irgendwann, eines viel zu frühen Morgens unten vor dem Haus an der Klingel. Nach und nach musste ich erfahren, was dein Leben schon länger bestimmte. In diesen Begegnungen, in denen du ausnahmslos kurzfristig unter Entzug standest und den letzten Retter in der Not in mir sahst, da hattest du meine Toleranz sehr stark gefordert, mich, ob ich wollte oder nicht, in das Wissen um Alkoholsucht, Heroin und Methadon eingeweiht und mir kaum erträgliche und viele Gedanken gemacht …

Endlich gab es aber auch eine Episode in der du heute noch wusstest, was dugestern getan hattest, zwei Jahre in denen du Ideen angegangen bist, zwei Jahre in denen Gesellschaft mit dir angenehm und nicht, wie leider manchesmal peinlich war, zwei Jahre, die, wie es mit der Zeit nun mal geht, viel zu schnell vorbeigingen.

Gewisse Umstände begleiteten dich bereits zu Anfang dieser Zeit undverbanden die Hoffnung mit der begründeten Ahnung, dass die Uhr, die über deine Nüchternheit wacht, nicht vorwärts sondern wie eine Eieruhr, einmal eingestellt, rückwärts gen Null geht. Diese Uhr klingelte alsbald unüberhörbar. Deine Stimmungen schwankten wieder zu schnell und zu stark zwischen himmelhochjauchzend und zutiefst betrübt. Deine Gedanken waren wieder und nur noch im Jetzt verhaftet und suchten nur ein Ziel, nämlich das kurze Glück, dass sich zusammen mit einigen Flaschen im Selbstmitleid ertrinkt und über sich selbst vorübergehend völlig hinwegtäuscht. Seit vorletztem Jahr im Sommer warst du untergetaucht, hast deine Wohnung nicht mehr betreten und lebst vermutlich irgendwo auf der Straße. Das letzte Telefonat war im November letzten Jahres und seit dem habe ich nichts mehrvon dir gehört. Angst um dich und eine beständige Unsicherheit in vielerlei Fragen hattest du dann wie einige Jahre zuvor nach und nach verdrängt, unerreichbar wie du nun wieder bist. Und: ob du noch lebst, auch das kann mir niemand sagen.Dass es dir gut geht, wünsche ich dir, kann ich aber nicht berechtigt annehmen, weil es nicht sehr wahrscheinlich ist. Im letzten Telefonat war klar, wie du dir Geld beschaffst um deine Sucht leben zu können. Immer wieder erinnere ich mich, denke ich an dich, an das Buch mit dem Titel „Rolltreppe abwärts“. In der Schule durfte ich dieses Buch durcharbeiten. Ohne dich hätte ich vermutlich nie so nah erfahren, wie tief dies Rolltreppe abwärts gehen, und auch nicht, wie groß die Distanz zwischen Verstehen und Verständnis sein kann.

Bald ist Weihnachten. Zu Weihnachten ist es Tradition denen etwas zu schenken, mit denen man über das Jahr zu tun hat, viele Gedanken teilt oder auf die man wie auch immer aufmerksam geworden ist. Gern würde ich dir etwas schenken, etwas das nicht käuflich ist, etwas dass, Wert hat, etwas, das Du nicht morgen schon wieder verkaufst, arglos an irgendwen verschenkst oder einfach irgendwo vergisst. Ich hätte Zeit für Dich.

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Wir schaffen das

Oder

Wenn selbst das Hinterfragen fragwürdig wird

Wer ist „Wir“? Ist das das „Wir“ das auch Papst ist und Weltmeister sowieso?

Weiß das gemeinte „Wir“ von seinem Betroffen-Sein?

Sind die wir`s die, die die gemeinten Wir´s sind?

Ist das gemeinte „Wir“ wirr verwirrt?

Ist es wo möglich ein gemeintes „ihr“?

Bist du es gar, der gerade nicht mehr Papst ist?

Bist du es gar, dessen Weltmeisterschaft vielleicht doch gekauft war?

Wer bist Du?

Bist Du Teil der gemeinten Gemeinschaft, die das „Wir“  ist?

Bist Du Teil einer Gemeinschaft?

Bist Du?

 

Das schafft einen und jeden, das schafft einen jeden!

Obwohl wir schon einiges geschafft haben,

Griechenland zum Beispiel

Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch

Afrika haben wir auch geschafft


Abgasskandale

Die Erderwärmung

Um nur einiges zu nennen, das wir geschafft haben

Und nebenbei auch noch: schaffe, schaffe Häusle baue

Das schaffen wir auch

 

Das „das“ in dem Satz, was meint dieses das?

Das „das“ scheint ein „die“

Die Herausforderung vielleicht

Oder ist das „das“ doch ein das?

Das Problem

Das obwohl dieses  „das“ im Wortschatz

Längst als Krise verankert ist,

Also doch ein „die“?

 

Da spürbar das „wir“ ein „ihr“ meint,

In dem das Wir ohne Steuerrad herumirrt

Und das „das“ ein „die“ zu sein scheint

Da weiß ich nicht mehr ein noch aus

Davon inspiriert

Zeigt sich die halbe Welt verwirrt

Es platzt aus ihr heraus:

„Wir schaffen das“

Das schafft mich.

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Aufstand der Bürger

Mit
Schaum vor dem Mund
Atmen sie keuchend
Die Flasche wird eins mit
Der Hand
Zum Erstschlag bereit
Rasen Blicke hin und her
Die lauern
Von gellenden Schreien
Begleitet

Sitzen sie noch
Derweil sich die Nachrichten

Überschlagen
Warten sie noch
Auf den Wetterbericht
Und die Lottozahlen
Fühlen für den Moment
Den Über-Blick
Als sie die Fernbedienung
Finden
In den Werbepausen

Da ist es Zeit
Aufzustehen!

Gewissenhaft in Liechtenstein

Verschlossen vor der Welt
Verdunkelt dem Finanzamt
Den Erben codiert verbrieft
Vor allem allen verschwiegen
Vermehren sich Vermögen

Bedrängt hängen Kästen an den Wänden
Betonen Namen, dass dort wer wohnt
Diese Fassaden wollen nichts bedeuten
Da ein Name, der anderswo berühmt berüchtigt
Bescheidenheit beschwört

Erhaben erhebt sich der Stifter zum Vorbild
Erklärt uns der Bestechende die Neidkultur
Der dann ein wirres Bild erzeugt
Wenn der Stifter sich selbstgerecht erregt:
Erbarmen vor Erkenntnis!

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Ein letzter Atem - Zug  

                                

Weiß, der gefrorene Nebel

Der Zweige kalt umschließt

Grau, die verklärte Seele

Ein Tumor, der an ihr frisst

Rot, wie bemalte Fassade

Leuchtende Himmel flehen

Farblos passierte gerade

Von vielen Augen gesehen

Im wirren Spiel keiner Farbe

Etwas das tödlich beinah



Sprachlos zittern die Zweige

Die sich nach Sonne so sehnen

Wortkarg denkst du vermeide

Das blühende Treiben der Tränen

Stumm jubelt ein Bild in der Szene

Die sich noch stärker vereint

Wortreich ist ihre Häme

Wo sich das Böse mit Bösen vereint

Bejubelt wird auf den Gängen

In den Blüten, die man sich warf

Ein Galgen mit schönen Gesängen

Ansonsten gibt man sich brav

Die Gruppe genießt es zu warten

Für sie blüht ein herrlicher Garten

Sind alle bei Namen bekannt

Dein Name aber, nur der wird genannt

 

Unter der Brücke am Bahndamm

Eilende reisen in Zügen

Andere nur irgendwann

Einfach so zum Vergnügen

Scheinbar wie Kometen durchs All

Auf der Brücke vereint sich im Nebel

Unfreies Atmen mit unfreiem Fall

Begleitet vom Beifall des Pöbel

 

Ein Sturz, ein Fall, vielleicht ein Flug

Ein letzter Atem

Zug

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Dem Strand zu Füßen liegt das Meer


Dem Strand zu Füßen liegt das Meer

Da fallen die Wellen übereinander her

Die Sonne prahlt von überall mit Licht

Ganz heiß und hell lässt sie uns grüßen


Die Menschen liegen dicht an dicht

Als würden Badetücher sprießen

wird der Strand laufend heu kariert

Ein Chaosmenschlichen Gewimmels

Das sich wie der Sand stets neu formiert


Im Schatten sind fast dreißig Grad

Der Mensch ergötzt sich am Getümmel

Es fehlt nicht viel, bis irgendwas

Sich gleich auch noch von selbst entzündet

Drum nimmt ein jeder Mal ein Bad

Wirft sich - platsch - ins begehrte Nass

Wo die Frisur sich neu erfindet

Am Strand zu Füßen liegt das Meer

Ein Oberteil liegt herrenlos und leer

In grellem Pink auf hellem Sand

Sein Gegenteil prahlt nah dabei

Ein Mann bemüht sich um Verstand

Doch die Hormone dominant

Macht sich Verstand davon und frei


Gedanken blühen, stolpern, lenken

Und die, die denken nichts dabei

Sie sieht erschrocken was er denkt

Und appelliert: besinn er sich!

Sein Geist inzwischen erodiert

Was viel zu nah ihn zu ihr drängt

Er lässt nicht nach, er übertreibt

Weshalb ihr nichts anderes übrigbleibt


Dem Strand zu Füßen liegt das Meer

Ein Mann liegt frisch gestreckt im Sand

in hellem Blass

auf hellem Sand

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Der Gänsegeier


Kreist einsam fern im Gegenlicht
Schreit leis´ und spitz durch Wolkenschleier
Ruft sie umwerbend andere Geier
Führt diese schmeichelnd hinters Licht
Und flüstert Lügen über mich

Wo Mob an Mob sich nach und nach vereint
Klingt´s hinter Türen wie Messerwetzen
Mir entgegnet verlegen trügerischer Schein
Hinterrücks übt man sich an üblem Hetzen
En passant will man sich von mir befreien

Ich manövrier´ mich durch tagtägliche Bahnen
Fieber wankt wie auf hoher See, nichts hält, nichts kühlt
Im Wind schimmern noch immer rötlich unsere Fahnen
Derweil Schatten mich schon zaghaft streifen
Die gestern noch gurrten wie Tauben verspielt

Reifen sie nun zu Pfeilen am Bogen gespannt,
Gebannt wird wie über Kimme und Korn gezielt
Flüstern Sie, es wär an der Zeit zu begreifen
Flüstern Sie, es wäre noch Zeit für den Sprung
Es gäbe so viele Gründe, hört man sie überall keifen

Doch nennen wollen sie keinen einz´gen Grund
Bedrohliche Wolke aus schwarzen Schatten,
Doppelzüngig ihr Gerede, Ungewiss ihr Wille
Dem Flüstern, begreif ich, folgen längst Taten
Kaum ein Freund unterbricht mehr die Stille

Die Geier stoßen vereint aus verschleierndem Nebel
Die Blicke von gestern mutieren zu bleiernem Gaffen
Um mich herum das Rasseln der Säbel
Es stechen schon bald Messern gleich die Schnäbel
Die Schreie, die Schnäbel, das Gaffen, all dies ihre Waffen


Die Gänse weiden sich an ihrer glücklichen Wandlung
Geier berauschen sich jetzt an ihrer Handlung
Mich beherrscht Tag um Nacht beständig eine Ahnung
Die Schatten nehmen wieder und wieder das Licht
Überschwemmen die Augen und trüben die Sicht


Sie dächten bei allem doch nur an mich
Droht täglich neu diese Mahnung
Zugleich schubsen und kratzen und stechen
Um meinen Willen, zu bleiben, zu brechen
Empörung steigt aus dem Stimmengewirr


Schnäbel stehen letztendlich Spalier
Weisen den Weg durchs kaudinische Joch
Hin zu einem endlos erscheinendem Loch
Werfen euphorisch unsere Fahnen voraus in die Tiefe
Und schreiben für mich obskure Abschiedsbriefe

Die Geier, die gestern noch Gänse waren
Proklamieren das Standgericht
Vor Beginn steht das Ende des ganzen Verfahrens
Der Moment da alles zerbricht
Der Fall dauert an

Das Nichts ist so tief
Der Fall dauert an
Das Nichts ist so tief

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Im neuen Bett

Schmiegtest du dich in die frischen Kissen.
Zärtlich fast sagtest du mir „Gute Nacht“..
Dass dies das letzte Mal, das konnte niemand wirklich wissen.
Nun hält die Dunkelheit an deiner Seite Wacht

Und schreckt mich.

Überall überraschend lebend Randnotizen,
Die entdeckt, keck wie kleine Blitze blitzen.
Über Nacht bist du mir ungewöhnlich unbekannt.
Als Vater neu, beinahe fremd und doch verwandt.

Entdecke dich.

Unermüdlich vage ich mich daran, diese Last zu tragen.
Stelle dir, nein, stelle mir die bisher ungesagten Fragen.
Beim Versuch dich, dein wahres Wesen, endlich zu ergründen
Verzweifle ich, dich erst jetzt zu suchen, jetzt zu finden.

Rette mich!

Meine Hände auf den Deinen, ein Sehnen,
Erde, Blumen, meine Tränen

Bedecken dich
(März 2013)

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Ein Schaufenster. Ein Spiegel.

Zweidimensional vermessendes Ich

Prüft, ob das Abbild angepasst spricht

In jedem Fenster, in jedem Spiegel

Sucht es und gibt sich das Gütesiegel

Märkte definieren ungeniert Makel

Formen dein Selbstbild, sind dein Orakel

Überall schallt das eine Diktat, das bald Sucht

Beharrlich flüstert´s: dein Segen, dein Fluch

Eine Welt wählt sich und prägt sich

Abonniert ein gängiges Bild vom Ich

Ein Selfie wird subtiles Vermächtnis

In dem sich ein Ich beständig verdächtigt

Die Märkte gewinnen, das Ich wird verziert

Manch Depression oberflächlich manikürt

Vorm Schaufenster übt ein Outfit sein Glück

Die Schaufensterpuppe hält starr ihren Blick

(April 2015)

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Verlorene Spiele

(1.4.2011)

Ein Rotkehlchen spielte einst mit einer Katze,
es trällerte im Anflug nahe dem Gras,
entflog dann ganz knapp nur der Tatze.
Immer wieder
und wieder
erzählt davon nun die Katze.

Atomstrompreise gefallen und fallen in die engere Wahl,
beschönigt und um die Zukunft gemindert. Es ist uns egal.
Castoren verbergen bedrückend ehrlich Endlichkeit:
Für fünfhundert Generation versteckte Verstrahlung.
Vergeblich verfängt sich darin die Frage, die stetig auch Klage:
Reicht dies nicht als Mahnung?

Ein erschrecktes Gefühl übt sich an Zeit.
Unvorstellbares sucht ein gültiges Maß.
Übt sich an einer Bombe, die tickt
immer wieder
und wieder
ein Gefühl, das erschrickt.

Ich verstehe uns Rotkehlchen nicht.

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Die unbewusste Einrichtung

Ich zeige
Nach da
Darauf, dorthin
Schüttle den Kopf
Und schrei
Stumm
Aus mir heraus

Goldfischgesicht
Mund-auf-Mund-zu



Schwarz auf Weiß
Geht eine Meinung um
Auf mich zu
Bleibt an den Zeigefingern
Den Ausgestreckten
Hängen, fällt zurück.



An jedem Tag Erwarten
Dass andere
Die Beine in die Hand nehmen
Und gegen die Schar an Zeigefingern
Anlauf nimmt
Das
Erwartet ernsthaft niemand von
Den Fingerzeigern



Sich gängigen Meinungen und deren Machern
Entziehen, hieße
In den Spiegel sehen
Da dasselbe zu sagen
Hieße wo möglich Verzicht
Hieße, den selbstgemachten Alltag widerrufen

Weil die Zeigefinger
Aber
Wegzeigen


Nach da, darauf und dorthin
Zeigen sie im Zweifel auf ihr Recht
Nehmen sich reichlich und willkürlich
Aus irgendwelchen Schubladen
Aus verstaubter Erinnerung

Versuchen sich da
Am Jenseits der eigenen Pflichten

Und gehen bei einem Anflug
Ernsthafter Besorgnis
Alltagstauglich zum Arzt
Der, so auf Abstand gehalten,
Anspannungen nicht lösen kann

Nachvollziehbar
Dass auch danach die Möglichkeit
Ein ganzes Land fasse sich an die Nase
An die Eigene
Ein erstes Mal, nur als Versuch

Scheitern muss
Stattdessen: Anzeigen und Gegenanzeigen
Goldfischgesichter
Münder-auf-Münder-zu
Dazwischen lauthals
Gerede und dabei
Nichts Neues

Ein Kribbeln im Zeigefinger
Wird unbewusst unbequem
Verdrängt sich und sucht selbstverständlich
In der Menge ein
Da!

Da ist irgendwo jemand
Verantwortlich!

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