Calenberger Autorenkreis

      







Karla Kühn kam nach der Wende Anfang der 90ger-Jahre zusammen mit ihrem Mann Joachim aus Leipzig in Sachsen nach Niedersachsen, erst Hannover, später nach Linderte / Ronnenberg, wo sie auch heute lebt. Mit dem Schreiben hat sie erst vor einigen Jahren angefangen. Besonders widmet sie sich dabei der autobiografisch gefärbten Kurzgeschichte. Für unseren Calenberger Autoren hat sie in den vergangenen Jahren Vorträge zu Mascha Kaléko und zu Erich Kästner erarbeitet. Ihr Mann Joachim ist seit vielen Jahren der "Techniker“ im Autorenkreis.
Lesen Sie hier ihre beiden neuesten Texte aus dem Jahr 2020, in denen es in beiden irgendwie um das "wunderbare" Gefühl beim Fliegen geht...

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Mit siebzig Jahren das erste Mal im Flieger zu sitzen, was für ein Gefühl:      

Der Flug nach Mallorca

Ich beginne ganz von vorn, ich sitze noch nicht im Flieger. Gerade war ich eingeschlafen, da erschreckte mich der schrille Klingelton des Telefons. Ich nahm ab und erkannte die auf Grund Zigarettengenusses tiefe Stimme meiner Freundin am anderen Ende der Leitung: „Dora, hör zu, ich habe dir etwas zu sagen“. Jetzt kam dieser durchdringende Ton. “Sieh endlich ein, dass wir in unserem Alter irgendwann keine Lust mehr für größere Reisen verspüren werden. Deshalb brauchen wir noch ein paar hochwohllöbliche amoröse Abenteuer, an die wir uns, auch wenn wir irgendwann im Rollstuhl sitzen werden, mit Freude erinnern können. Jetzt lache nicht, ich meine das ernst. Mein Vorschlag wäre: Wir verlassen die heimatliche Scholle für zwei oder drei Wochen und fliegen in die Ferne? Mein Traum ist und bleibt das Mittelmeer mit den goldgelben Sandstränden, Palmen, die sich im warmen Wind wiegen. Schwimmen mit oder ohne Badeanzug und anschließend faul in der Sonne liegen. Was meinst du zu meiner idealen Idee. Wir sind noch nicht zu alt dazu?“

Ich fühlte mich überrumpelt und fand so schnell keine Antwort. Erneut erklang die Stimme am anderen Ende der Leitung und dieses Mal sehr ungeduldig:„ Dora, erinnere dich, wir haben die Serien „Das Traumschiff“ schon oft im Fernsehen gesehen, aber noch nie standen wir auf dem Deck eines solchen. Dieses ewige grau in grau hier in Deutschland, die Jahre, die wir mit der Pflege unserer Männer verbrachten, dass alles müssen wir hinter uns lassen. Meinst du das nicht auch? Hast du mir überhaupt zugehört?“ Ich, die mit einem so heftigen Wortschwall Angesprochene, hatte alles verstanden und antwortete wie immer nur zögerlich: „Sag mir, meine liebe Traudel, was wollen wir dort? Möchtest du nach den bitteren Erlebnissen in unserem Alter noch einen Liebhaber finden? Lach mich bitte nicht aus, oder willst du etwa im knappen Bikini an der Strandpromenade entlang spazieren? Ich möchte nicht annehmen, sogar ohne Hüllen im Sand liegen und dich sonnen? Dir ist doch hoffentlich bewußt, dass wir mit oder ohne Bekleidung keine Hingucker mehr sind.“ Das war meine Antwort auf ihre Worte. Die dunkle Stimme meiner Freundin ertönte erneut. „Hör auf, das ist mir schon bewusst, dass wir das nicht sind, aber trotzdem kaufen wir uns Klamotten, die unseren etwas aus den Fugen geratenen Figuren schmeicheln und in denen wir uns Hauptsächlich wohl fühlen. Wir dürfen die Strohhüte und die Sonnenbrillen nicht vergessen. Die schützen uns vor dem gleisenden Sonnenstrahlen und wir wären sozusagen mit diesen Utensilien angetan inkognito. Bitte, Dora, denke nach!“

Ich dachte nach. Wir hatten eine schwere Zeit erlebt. Unsere Ehemänner waren kurz hintereinander nach schweren Erkrankungen verstorben. Wir beiden Freundinnen nutzten die plötzlich entstandene Freizeit für Kino- und Theaterbesuche, Konzerte und Kaffeekränzchen bei gemeinsamen Beisammensein. Welches uns unendlich gut tat. Ich grübelte: Eine Reise an das Mittelmeer, nach Ägypten oder über den Atlantik auf die Kanaren war immer schon mein Wunsch gewesen. Mein Erwin hatte in unseren Ehejahren immer andere Reiseerlebnisse geplant, er konnte sich für meine Träume und Erwartungen nie begeistern. Er besuchte mit mir die Städte, in denen die großen Männer der Geschichte, Musiker, Schriftsteller und Maler das Licht der Welt erblickten und gewirkt hatten. Alte Burgen, Schlösser und Museen hatten für ihn Priorität. Diese Überlegungen gingen mir nach dem Telefonat mit Gertraude durch den Kopf.

Ich nahm den Hörer und wählte ihre Nummer: „Hallo Traudel, ich bin bereit, ich komme mit. Suche bitte einen Urlaubsort aus, was hältst du von Mallorca? Da waren schon so viele unserer Bekannten, die verbringen in der tristesten Jahreszeit Deutschlands vier bis sechs Wochen auf der Insel. Vielleicht treffen wir dort noch ein paar rüstige Senioren?“ Bei diesen Worten hörte ich ein leises Kichern am anderen Ende der Leitung. Traudel buchte einen Flug nach Cala Radjada auf Mallorca. Als wir unsere Koffer packen wollten, stellten wir beide fest, das alles, was die Schränke boten, total ungeeignet und völlig unmodern für so ein Urlaubserlebnis war. „Dora, wir müssen shoppen gehen, die dunklen Klamotten kann ich im warmen Süden nicht tragen. Ich möchte, wie eine ins Alter gekommene Künstlerin, weiche weite Leinenhosen, luftige seidene Blusen und große Perlenketten tragen. Was hältst du von meiner Idee?“ Ich schüttelte den Kopf, das alles war nicht mein Stil. Ich trug Kleidung vom C&A. Cheanshosen, Teachirts, meine Goldkette mit dem Kreuz um den Hals, das war mein Outfit. Meine Devise war und blieb die schlichte, unauffällige und bequeme Kleidung, nur nicht auffallen.

Wir fuhren in die Stadt und wie zwei Teenager erlebten wir beiden alten Schachteln die unermessliche Freude beim Einkaufen von nötigen und unnötigen Utensilien für die bevorstehende Reise. Bei jedem Teil, was wir anprobierten, begutachteten wir einander mit kritischen Blicken. Zustimmend hoben wir den Finger, schmunzelten wohlwollend, wenn uns das Teil gefiel oder schüttelten abweisend unser ergrautes Haupt, nein das musste nicht am Körper getragen werden. Endlich waren die Tüten prall gefüllt, die Geldbörsen fast leer, aber in unseren Herzen hatte sich eine ungeheure Vorfreude breit gemacht. Wir hatten so einen Spaß und eine unermessliche Freude an diesem Tag miteinander vertraut. Wir beide waren ins Licht des Lebens zurückgekehrt. Auf dem Flughafen gab es Probleme. Die in der bekanntesten Parfümerie gekauften teuren Duftfläschchen durften wir in unserem Handgepäck nicht mitführen, im Koffer wär es gestatten gewesen.

Endlich saßen wir im Flieger auf unseren Plätzen. Die letzten Anweisungen aus dem Cockpit erklangen aus dem über unseren Sitzen installierten Lautsprecher. Die Maschine rollte über die Startbahn. Ganz langsam lösten sich die Räder vom Asphalt der Rollbahn, und immer höher stiegen wir dem Himmel entgegen. Dunkle Wolken lagen über der Stadt. Fasziniert sahen wir beide durch das Fenster. Unerwartet schnell schwebte das Flugzeug über den Wolken. Der Himmel öffnete sich und breitete sich in einem strahlenden, bis zum Horizont reichenden Blau über uns aus, die Sonne schien gleißend hell. Über kleine weiße Wolken, die wie Schneebällchen aussahen, schwebte der Flieger. Nachdem die vorgeschriebene Höhe erreicht war, wurden Getränke vom Flugpersonal angeboten.

Traudel kaufte sofort zwei Piccolo-Sektflaschen. „Dora, wir stoßen jetzt auf meine gute Idee an. Wir lassen, unsere Vergangenheit hinter oder soll ich sagen, unter uns hinweg gleiten?“ Wortlos nahm ich den Becher mit dem sprudelten Nass, trank ihn aus und blickte hinaus. Nach dem Getränk fühlten wir uns ein wenig erschöpft, immerhin waren wir seit den frühen Morgenstunden unterwegs. Uns fielen die Augen zu und wir dösten ein. Im Halbschlaf verspürten wir ein Schlingern des Flugzeuges, ein unregelmäßiges Auf- und Absinken der Maschine. „Liebe Passagiere, bleiben sie ganz ruhig, wir befinden uns gerade über Frankreich in einer Gewitterzone. Wir müssen dagegen angehen, das wird nicht lange dauern und dann dürfen sie sich wieder abschnallen.“ Keine Beunruhigung, wie sollten wir damit umgehen? Ich schaute nach draußen auf die Tragfläche, die direkt unter dem Bullauge lag.

Kleine Positionsleuchten funkelten unruhig. Die Klappen flatterten und bewegten sich, als würde sie jeden Moment abfallen wollen. Wir waren nervös, wir hätten uns einen Film im Monitor, der direkt vor unseren Augen angebracht war, ansehen können. Das war unmöglich, weil wir die Kopfhörer nicht in Anspruch genommen hatten. Das Signal zum Anschnallen war erloschen, wir durften durchatmen. Traudel hatte eine Idee: „Dora, wir besuchen den Kapitän.“  Diese verrückte Frau, was ihr so einfällt aber warum sollte ich es nicht mitmachen. Wir hangelten uns nach vorn zum Cockpit. Die junge Dame, welche die Getränke serviert hatte, lächelte uns freundlich entgegen: „Kann ich ihnen helfen?“ „Ja sie können, meine Liebe, dürfen wie die Cru begrüßen?“. „Das dürfen sie.“ Sie öffnete die schmale Tür und wir beiden Freundinnen blickten in das Cockpit mit der großen abgerundendeten Sichtscheibe nach draußen, und auf ein Armaturenbrett mit unruhig aufblinkenden Leuchten  und unzähligen Knöpfen und Schaltern. Der junge Kapitän und sein Copilot drehten sich um und beide begrüßten uns mit einem freundlichen Lächeln. Jetzt war ich dran: „Meine Herren, ich gestehe, mir fällt bei diesem zauberhaften Anblick nur Rainhard Mays Song ein: -Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. - Obwohl wir beide schon etwas älter sind, ist das unser erster Flug.“ Die vor uns sitzenden jungen Männer sahen sich mit einem verschmitzten Lächeln an: „Oh ha, meine Damen, wir gestehen ihnen, unserer auch.“

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Ein ungewöhnlicher Flug

Das Geräusch des neben ihr Schlafenden sollte sie doch aushalten können, sie sollte doch versuchen, die Gedanken auf schöne Dinge zu lenken und irgendwann wieder einzuschlafen, das würde ihr doch möglich sein. Sie muss erkennen, muss hinnehmen, dass es nicht funktioniert. Immer mehr drängen sich die Bilder dieses ungewöhnlichen Fluges in ihr Gedächtnis. Dazu kommt der quälende Husten, der keinen weiteren Schlaf zuließ. Hellwach geworden schaut sie auf die leuchtenden Ziffern der Funkuhr, die auf dem Nachtschrank stehend ihr die verfließende Zeit unbarmherzig ankündigt. Tief atmet sie die aus dem weit geöffneten Fenster einströmende kühle Nachtluft ein. Es ist ein Duft nach frischem Gras und den aufbrechenden Blüten des weiß und lila blühenden Flieders, der in diesem ungewöhnlich heißen fast sommerlichen Frühlingstagen von einem Tag zum anderen rasch erblüht war. >Betäubend ist dieser Geruch<, denkt sie, und sie erlebt wach und unruhig geworden diesen Flug noch einmal, den sie mit ihrem Mann nach dem vergangenen schmuddeligen Winter zur Flucht in die Sonne gebucht hatte.

Die Boeing 737 stand am Flughafen für den Start zum Mittelmeer bereit, d.h. sie war aufgetankt, die Putzkolonne verließ in diesem Moment das Flugzeug, das Cockpit war besetzt, die Stewardessen erwarteten adrett im dunkelblauen engen Kostüm oder Hosenanzug gekleidet, vorteilhaft geschminkt, die Haare zum festen Knoten streng im Nacken hochgesteckt, freundlich grüßend die Passagiere. Diese nahmen, die Flugtickets in den Händen haltend, mit suchenden, forschenden Blicken ihre Plätze rechts und links des Ganges ein. Stau entstand immer wieder, weil der eine oder die andere das Handgepäck mit zu viel Ruhe und Gelassenheit verstaute und nicht an die Wartenden hinter sich dachten.

Es war das erste Mal, dass das Ehepaar getrennt durch den schmalen Gang des Flugzeuges Plätze bekommen hatte. Das war für sie ungewöhnlich, denn bei allen vorangegangenen Flügen suchten ihre Hände beim Starten und Landen die warmen und beruhigenden Hände des neben sich sitzenden Ehemannes. Die Berührung übermittelte ihr Geborgenheit und Sicherheit.

Eine Frauenstimme riss sie aus ihren Gedanken: „Würden Sie meinen Sohn und mich bitte vorbei lassen?“ Die junge dunkelhaarige etwas füllige Dame mit ihrem ca. zwölfjährigen Sohn schob sich an ihr vorbei auf die freien Plätze neben ihr. Der Junge nahm zwischen den beiden Frauen seinen Platz ein. Irene sah liebevoll auf das Kind, er erinnerte sie an ihren Enkelsohn, der  etwa im gleichen Alter sein mochte. „Mein lieber Junge, ich heiße Irene und ich glaube, wir sind heute für vier Stunden oder auch länger Nachbarn, magst du mir deinen Namen sagen?“ Erstaunt blickten Irene zwei tiefbraune Augen an. Der Junge schwieg verlegen oder war er irritiert, er drehte seinen Kopf zur Mutter. Diese beantwortete die gestellte Frage höflich, ein fremder Akzent schwang in der Stimme. „Mein Sohn ist sehr schüchtern, aber sie dürfen ihm Fragen stellen. Er heißt Yusuf Achmed. Wir fliegen zu meiner Mutter, seiner Oma, in meine Heimat.“ Irene nickte der jungen Frau freundlich zu. Erneut fragte sie ihn: „Yusuf Achmed, du hast einen schönen Namen. Bist Du schon oft geflogen?“ Er schaute sie verlegen an, kaum verständlich antwortete er ihr: „Ja, Mama und ich fliegen in den Ferien immer zur Oma“. „Das ist doch toll, mein Junge. Hast du ein Hobby, spielst du Fußball oder Tennis oder vielleicht tanzt du gern?“ Die dunklen Augen des Jungen leuchten auf. Seine Mutter beantwortet erneut die Frage: „Yusuf Achmed ist ein fanatischer und, wenn ich dem Trainer glauben darf, ein fantastischer Fußballspieler.“ Irene musste lächeln, sie hatte fußballbegeisterte Enkelkinder.

Yusuf Achmed sah Irene an, er spürte, dass sie sich für sein Hobby interessierte und nun sprudelten die Worte aus ihm heraus. Er berichtete über seine Fußballmannschaft, die Spiele und Tourniere und die vielen Pokale, welche sie nach einem Sieg nach einem Tournier erhalten hatten. Er strahlte die ältere Frau an. „Irene, werden wir in zwei Jahren den Europameistersieg erkämpfen können. Was glaubst du?“ Die nicht auf diese Frage Vorbereitete überlegte, bevor sie eine Antwort fand: „Yusuf Achmed, egal wer die deutsche Mannschaft trainieren wird, glaub mir, es ist egal wer siegen wird, Hauptsache wir können schöne Spiele sehen. Es ist der Sport, der uns begeistert, und der Kampf um den fair gewonnenen Sieg. Was meinst du, mein Junge?“ Bevor er antworten konnte beugte sie sich lachend zu seinem Ohr und sagte leise: „Aber wir wissen doch, dass der Ball kugelrund  und unberechenbar ist. Ein wenig Glück gehört außerdem dazu und jeder der Männer, die auf dem grünen Feld ihr Können preisgeben, will siegen, natürlich jeder“. Yusuf Achmed strahlte Irene an. „Oh ja Irene, da gebe ich dir Recht.“ Den Dialog zwischen den zwei sich bis vor dreißig Minuten unbekannten Menschen unterbrach die Durchsage aus dem Lautsprecher über ihren Köpfen. Der bevorstehende Start wurde angekündigt.

Die Flugstunden vergingen relativ schnell. Irgendwann schoben die Stewardessen einen schmalen Wagen, beladen mit zollfreier Ware, durch den Gang. Ein zweiter folgte kurz danach mit Getränken. Irene holte den versäumten Nachtschlaf nach, wachte zwischenzeitlich auf, las in ihrem Buch, blickte zur Seite zu ihrem Mann, und bemerkte wohlwollend, auch er schien tief und fest zu schlafen. Yusuf Achmed war mit seinem Handy beschäftigt. Mit was denn sonst? Eine Ansage aus dem Cockpit ließ die Passagiere aufhorchen: „Wir werden in wenigen Minuten in Antalya landen. Aufgrund eines heftiger Windböen, Gewitter und strömenden Regens kann es zu einigen Turbulenzen kommen. Bitte bleiben Sie angeschnallt auf Ihren Plätzen sitzen, die Maschine wird sicher landen.“

Mit diesen angsterregenden, ruckartigen Bewegungen des Flugzeuges hatte keiner gerechnet. Die Passagiere saßen wie gelähmt mit den Haltegurten gesichert auf ihren Sitzen. Trotzdem wurden sie heftig von einer Seite zur anderen geworfen. Plötzlich war ein deutliches Absacken in die Tiefe zu spüren und völlig unerwartet das röhrende Geräusch der Triebwerke, welches darauf schließen ließ, dass der Pilot die Landung nicht gewagt hatte. Die Boeing 737 stieg nach oben, stieg zurück in die Höhe, dem grauen wolkenverhangenen Himmel entgegen. Aus dem Cockpit erklang erneut die Information an die Passagiere, dass eine Landung leider nicht möglich gewesen sei, man bitte um Verständnis. Das musste akzeptiert werden. Wohl alle der Passagiere hatten nur einen Gedanken: Hauptsache wir kommen gesund und unverletzt auf die Erde zurück.

Nach einer großräumigen Schleife über dem Mittelmeer sahen die am Fenster Sitzenden, dass der Flieger wieder über Antalya angelangt war, und erneut setzte der Pilot zur Landung an. Das Fahrgestell verließ deutlich hörbar den Rumpf des Flugzeuges, die Landeklappen kippten nach oben, sie sanken der Landebahn entgegen. Mochte es ein Luftloch gewesen sein, oder eine Unsicherheit, der Flieger sackte ungebremst in die Tiefe. Die Passagiere hielten den Atem an, Kinderweinen war zu hören, dann ein Hilferuf, ein Schrei erklang, der Herr im Sitz vor Irene hatte Luftnot, Angstzustände. Seine neben ihm sitzende Ehefrau rief nach Hilfe. Der Steward rollte einen Sauerstoffapparat, dessen Bedienung er nach einigen Bemühungen endlich beherrschte, neben den Sitz des Hilfebedürftigen. Endlich erhielt der in Not Geratene Sauerstoff, nasse Tücher für Stirn und Brust erleichterten sein Befinden. Der Pilot bat einen am Bord befindlichen Arzt oder eine Ärztin sich zur Verfügung zu stellen. Eine Ärztin kam eilig von den vordersten Plätzen nach hinten zum Patienten. Während dieser stressigen Situation hatte der Pilot die Maschine erneut nach oben gezogen, mit einer Schleife über der Bucht flog er zum dritten Mal zurück zur Landebahn nach Antalya. Erneut spürten die Passagiere die heftigen Turbulenzen beim Sinken des Flugzeuges. Die Ängste der Passagiere waren zu spüren.

Die Hände des Ehepaares lagen fest ineinander verschlungen von links nach rechts über dem Gang vereint. Die rechte Hand Irenes hielt noch immer die kleine braune Hand Yusuf Achmeds und er umklammerte ihre. Leise flüsterte Irene dem Jungen ins Ohr und sie zauberte dabei ein unglaubliches Lächeln auf ihre Lippen: „Yusuf Achmed, bitte hab Vertrauen, der Pilot, nein, nicht er allein, alle, die wir hier im Flieger so eng beieinander bei diesem Flug verbunden sind, wollen die Erde unverletzt betreten. Wir dürfen den Glauben daran nicht verlieren.“ Trösteten ihre Worte das Kind? Ihr ganzes Empfinden galt dem Jungen neben ihr und den vielen Kindern mit ihren Eltern und Großeltern, die sich auf dem Flug in den Osterurlaub befanden, und wie sie mit ihrem Mann Robert an Bord dieser Maschine auf Gedeih und Verderb vereint dem Geschick ausgesetzt waren.

Ein heftiger Ruck presste die Passagiere an das Polster der Rückenlehne ihrer Sitze, das Aufheulen der Turbinen erklang erneut, der Pilot zog fast am Boden angekommen die Boeing 737 und das zum dritten Mal, steil nach oben in den von dunklen Wolken verhangenen Himmel. Oh, mein Gott, was würde noch passieren?

Nach endlos lang erscheinender Zeit, ertönte die Stimme des Piloten aus dem Cockpit: „Meine Damen und Herren, eine Landung in Antalya war auf Grund der Wetterbedingungen nach mehrmaligen erfolglosen Versuchen leider nicht möglich. Wir fliegen den Flughafen in der Bucht von Dalaman an, der liegt 160 km von Antalya entfernt. Ich bedanke mich schon jetzt für ihr Verständnis.“

Der Anflug in Dalaman verlief ohne Komplikationen. Die Wetterlage war fantastisch. Das Flugzeug wurde aufgetankt und der herzkranke Patient in ein Krankenhaus gebracht. Nach vier Stunden Wartezeit startete die Maschine zum Urlaubsziel nach Antalya. Dort glücklich und unversehrt angekommen brachten Yusuf Achmed und seine Mama Irene und Robert zur Bushaltestelle. Als würden sie sich schon viele Jahre kennen, so herzlich war der Abschied voneinander. An diesen ungewöhnlichen Flug wird sich jeder der Passagiere noch lange erinnern.

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