Calenberger Autorenkreis

      

Leseproben - Friedrich Pape


Selbstjustiz

Hermann war ein fleißiger Arbeiter mit schlichtem Verstand. Der altersweise Hauptschulleh­rer, der ihn von der ersten Klasse an begleitet hatte und ihn mochte, bezeichnete ihn einmal verzweifelt als unterbelichtet, bemühte sich dennoch, ihm ein Minimum an Allgemeinbil­dung beizubringen. Als Hermann erleichtert der Schule entronnen war, stellte ihn der Müllentsorger „Fortmitschaden" ein. Er hatte das Glück, einer Gruppe zugeteilt zu werden, die jene praktischen Wertstoffsäcke transportierte, in denen sich vielgestaltene, farbige, doch federleichte Kunststoffe befanden: Joghurtbecher, Milchtüten, Fast-food-Behälter, etc. Er liebte seinen Beruf. Straße für Straße abzufahren, mit den Bewohnern über den Zaun hinweg flotte Sprüche zu wechseln, sich hier und da ein Bier spendieren zu lassen, gelegent­lich einer rassigen Frau hinterher zu pfeifen, das war ganz sein Ding. Wem war schon ver­gönnt, im Landkreis sämtliche Straßen abzufahren, hübsche Häuser, schöne Gärten, anhei­melnde Wälder zu sehen, ohne ein Ticket lösen zu müssen.

Fortschrittliche Städteplaner mochten Durchgangsstraßen in Wohngebieten nicht. Sie schätzten verkehrs-beruhigte Zonen, besonders aber schmale Sackgassen, und setzten sie durch, wo immer es möglich war. In ein vertracktes System solcher Zuwegungen gerieten die Müllwerker in Trautmannsdorf. Auf dem Heinrich-Böll-Weg standen zwischen den Häusern Nr. 17 und Nr. 16 zwei protzige Rover einander direkt gegenüber. Nur äußerst geschickte Fahrer nicht zu breiter Wagen der unteren Mittelklasse verstanden es, sich hier hindurch zu winden. Für Müllfahrzeuge endete die Fahrt an dieser Barriere. Hermann musste an die fünf­zig Säcke von den am Ende der Sackgasse gelegenen Häusern über mehr als hundert Meter heranschleppen. Die Besatzungen der Wagen, die den schweren Restmüll zu entsorgen hat­ten, waren besonders erbost. Ihr Chef hatte ein Einsehen und beantragte bei der Stadt ein Halteverbot für jeweils eine Seite solcher Straßen. Die Verwaltung reagierte hinhaltend; man müsse erst die Bürger befragen und dann entsprechende Ratsbeschlüsse abwarten. Doch vernünftige Entscheidungen blieben aus. Die Müllwerkergingen daraufhin von Haus zu Haus, verteilten Handzettel und baten um Verständnis für ihre Lage. Die Anwohner gaben sich zu­gänglich, versprachen Besserung. Doch es änderte sich nichts. Weiter mussten Mülllasten geschleppt werden; das jeweilige Team verlor in den Sackgassen viel Zeit, die ihm nicht ver­gütet wurde. Der Ärger wuchs.

Alle dickfelligen Anwohner der Böll-Gasse erlebten eines Morgens eine böse Überraschung: Die Außenspiegel der hinderlichsten Fahrzeuge lagen zertrümmert auf dem Asphalt. Bald gerieten die Müllwerker in Verdacht, weil ihr Appell an den guten Willen der Fahrzeughalter noch nicht vergessen war. Die Polizei beauftragte einen ihrer psychologisch geschulten Be­amten mit der Untersuchung, der jeden Mitarbeiter des Entsorgers streng, aber ohne Erfolg verhörte. Die meisten hatten ein Alibi und waren empört über die ungerechtfertigten An­schuldigungen.

Hermann kam als potentieller Täter ohnehin nicht in Frage. Er besaß kein Auto und wohnte in einem Nest, das dreißig Kilometer von Trautmannsdorf entfernt lag. Er wurde als gutmü­tiger und hilfsbereiter Kollege geschätzt, dem leider einige Windungen im Hirn fehlten. In seiner sanften Seele konnte keine kriminelle Energie schlummern.

Aber keinem Kollegen war bekannt, dass Hermann wenig Schlaf brauchte und sich von frü­hester Jugend an gern nachts in der Umgebung herumtrieb. Er besaß ein solides Tourenrad und schaffte, wenn der Mond schien und er gut aufgelegt war, bis zur Morgendämmerung mühelos an die einhundertzwanzig Kilometer.